Grenzgänger-Tour Tag 3

Nach einer zu kurzen Nacht und herrlichem Frühstück in Großburschla brechen wir auf in Richtung Teistungen im Eichsfeld. In Großburschla überqueren wir die nach dem Mauerfall gebaute Brücke über die Werra, die uns nach Hessen führt. Die Werra war hier zu DDR-Zeiten Grenzfluss. Großburschla war nur über eine einzige Straße, die über einen kleinen Berg führte erreichbar. Ansonsten waren die Großburschlaner umzingelt von der Grenze, lebte also in einem kleinen Gefängnis, an dass sich die Bewohner aber gewöhnt hatten.

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(Grenzanlagen zwischen Teistungen und Duderstädt)

Nach einer Stunde erreichen wir das Grenzlandmuseum in Teistungen. Das nette Museum gibt einen kurzen guten Überblick über die Grenze und wie die katholische Bevölkerung im Eichsfeld sich gegen die SED-Funktionäre auflehnte und beispielsweise sich nicht an der Jugendweihe beteilgte, sondern sich firmen ließ. Oder wir man zu Allerheiligen einfach frei machte, um an den Prozessionen teilnahm. Wie sagte ein Schild im Museum so treffend: Regierungen kommen und gehen, Gott ist und bleibt immer da. Uns interessiern aber vor allem die Außenanlagen. Wir laufen einige Meter auf dem Kontrollstreifen entlang der ehemaligen Grenze auf eine Anhöhe. Wir blicken auf die vielen noch erhaltenen Rest der Grenzanlagen und beobachten eine Gruppe von Sporttreibenden. Sie nützen den ehemaligen Kontrollstreifen als Laufweg und machen gymnastische Übungen. Erst verwundert mich das und ich bin ein wenig irritiert, doch schon bald erkenne ich dahinter ein schönes Bild. An der Grenze, die viel Leid und Tod gebracht hat, auf deren Boden unschuldiges Blut vergossen wurde, ist heute ein Ort für Leben. Menschen bewegen sich, tun etwas für ihre Gesundheit und erfreuen sich dabei. Davon wünsche ich mir mehr. Hier wird die Grenze sinnvoll genutzt. Die Spuren ihrer Existenz sind für alle sichtbar, doch diese Zeit ist vorbei. Trennung, Tod und Schmerz sind Sport, Gesundheit und Leben gewichen.  100 Meter weiter steht ein Spaßbad – mitten auf dem Grenzstreufen. Dorthin kommen Menschen aus Ost und West und verbringen ihre Zeit. Gut, dass sich die Zeiten geändert haben und ganz natürliche Berührungen entstehen können. Wie sagte eine Frau treffend, die wir dort trafen: „Wir konnten damals überall hinfahren. Ich war in Amerika, ich hätte nach Afrika gekonnt, aber nicht zu meiner Familie in die DDR.“ Ihr aus dem Westen stammender Sohn half dem Widerstand in der DDR und wurde gefasst und festgehalten.

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(Die Transit-Grenzalnagen von Marienborn)

Die Zeit drängt. Wir haben heute noch eine ganze Strecke vor uns. Als nächstes geht es nach Marienborn, dass direkt an der Autobahn A2 liegt. Marienborn war einer der zehn passierbaren Straßenübergänge und einer von acht Bahnübergängen von der BRD in die DDR. In Marienborn ist noch ein Großteil der alten Transit-Grenzanlagen erhalten. Wir besichtigen den Ort. Heute ein Ort der Stille. Wo bis vor zwanzig Jahren rund um die Uhr umtriebiges Leben herrschte, ist heute Stillstand. Die auch hier perfekt errichteten Kontrollanlagen zeugen von dem Überwachungsstaat DDR. Wir sind beeindruckt, besonders von dem Frieden, der von diesem Ort ausgeht. Es fällt uns unglaublich leicht hier zu beten. Wir beten, dass Menschen Frieden finden mit der damaligen Zeit. Dieser Frieden entsteht aber nur, wenn Unrecht aufgedeckt und benannt wird; wenn Vergebung ausgesprochen wird und Raum für Versöhnung ist. Vieles ist noch verdunkelt: Zwangsumsiedlungen, Zwangsadoptionen, Mord an Regimekritikern, Umgang mit den Gastarbeitern, Familientrennungen usw. Es wird Zeit, dass die wissenschaftlichen Forschungen bei der breiten Masse ankommt. Ich hoffe, dass viele Bücher über diese Thematiken gelesen werden – damit Unrecht nicht im Verborgenen bleibt. Wir lassen Marienborn hinter uns und machen uns auf den Weg nach Mecklenburg-Vorpommern. Ein kleines Dorf mit Namen Rüterberg ist unser Ziel und wird uns als Übernachtung dienen. Idyllisch an der Elbe gelegen galt Rüterberg als Bollwerk gegen den Imperialismus. Komplett von den Sperranlagen der Grenze eingeschlossen, riefen die Bewohner des Dorfes auf einer Versammlung im Gemeindehaus am Abend des 8. Novembers 1989 die Dorfrepublik Rüterberg aus. Die Nachricht von der Dorfrepublik ging um die ganze Welt.

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