Das habe ich mir aber schnell anders überlegt

Als er bei mir angefangen hat, war er noch ein Kind. 15 Jahre. In seiner 3jährigen Lehrzeit hatten wir immer mal Stress miteinander. Weil wir über manches unterschiedliche Meinungen hatten. Er ist nach der Lehre mit in den neuen Betrieb gezogen und hat dort schnell seinen Platz gefunden. Dann war er selbst jemand, der Lehrlinge ausbildet, sie prägt. Irgendwann ist er eine feste Beziehung eingegangen und mit ihr zusammen gezogen. Dann haben sie sich ein Häuschen gekauft und umgebaut. Ca 30 km weg vom Betrieb. Da habe ich mir schon die ersten Sorgen gemacht. Diese Jahr ist er ein stolzer Papa geworden.

Und jetzt hat er gekündigt. Nach 16 Jahren Betriebszugehörigkeit. 200 € Fahrtkosten jeden Monat, seine Freundin hat nur noch die paar Cent Erziehungsgeld, das reicht nicht mehr für Kind und Haus. Er weiß, das er bei uns nicht mehr verdienen kann, das er bei anderen Bäckern sogar noch weniger verdienen würde!! Deshalb geht er auf Montage, in eine Westfirma. Da bekommt er viel mehr. Ich kann es ihm nicht verdenken. Das Leben wird immer teurer, die Löhne bleiben gleich.

Vor ein paar Jahren hatte ich mir mal Gedanken gemacht, weil so viele große Industriebetriebe hier Fuß gefasst haben, ob sie nicht nach und nach meine Leute abwerben. Mit viel höheren Löhnen. Aber weit gefehlt! Die haben nur ein paar Leute Stammbesetzung und der Rest sind billige Zeitarbeiter.

Normalerweise hört bei mir niemand freiwillig auf. Das ist sehr selten. Wir haben ein gutes Klima in der Firma. (Damit meine ich nicht, das es in der Bäckerei immer schön warm ist) Außer sie ziehen weg. So ging es mir schon mal vor ein paar Jahren. Zwei Gesellen, welche die Nachtschicht „geschmissen“ haben, kündigten zum selben Tag. Die Freundinnen waren fertig mit dem Studium/ Ausbildung und bekamen hier keine Arbeit, aber in Stuttgart und Hamburg. Das war ein schwerer Schlag für mich und ich musste über ein Jahr durchweg Nachtschicht machen, bis ich wieder zwei Gesellen soweit hatte, das sie Nachts ohne mich arbeiten konnten.

Jetzt ist es wieder so bei einem guten Gesellen, welchen ich ebenfalls ausgebildet habe. Seine Freundin lernt im Januar aus und ihre Firma baut 6000 Stellen in Deutschland ab. Was wird aus den Beiden werden?

Ich sprach mal mit einem Kollegen aus Stuttgart. Der hat 6 Gesellen, davon 4 aus Ostdeutschland. Er sagte, ohne die „Ossis“ ginge es gar nicht mehr im Bäckerhandwerk. Niemand will die schwere Arbeit und die ungünstigen Arbeitszeiten mehr in Kauf nehmen, außer vielleicht Leute „mit Migrationshintergrund“. Aber die eignen sich oft wegen ihrer kulturellen Prägung nicht für die Arbeit in der Backstube. Die Ostdeutschen, so sagte er, sind sehr gut ausgebildet und hoch motiviert. Solche Bäcker findet man im Westen nicht mehr. (Das war vor ca. 4 Jahren, jetzt sind sie nicht mehr so motiviert und nicht mehr so gut ausgebildet, da gleicht sich Ost und West schon sehr an)

Das sind die Geschichten hinter den nackten Zahlen. Hinter den Zahlen, das 10% der Thüringer ausgewandert sind. Vor allem junge Frauen. 10% meiner Kunden, 10% meines Umsatzes, 10% meiner Arbeitskräfte. Ich denke, da kann man nicht viel machen. Die Menschen gehen nun mal dahin wo es Arbeit gibt und Perspektive.

Ach ja, Perspektive: Ich hatte dieses Jahr so einen Reinfall mit 2 Lehrlingen, die ihre Prüfung so schlecht abgelegt haben. Keinen Bock! Da habe ich mir gesagt, ich bilde ab nächstes Jahr nicht mehr aus! So ein Stress, so ein Ärger jedes Jahr! Aber als der obige Geselle mir seine Kündigung gab, konnte ich gleich einen meiner „Ehemaligen“ anrufen und ihn fragen, ob er einen Job will. Der hat sich gefreut! Und ich habe mir es ganz schnell anders überlegt. Ich werde immer wieder ausbilden, damit ich gute Leute habe.

Es wurde viel Geld in den Osten gepumpt. Darüber regen sich viele im Westen auf. Ohne natürlich darüber nachzudenken, wie viel Wirtschaftskraft es den Firmen in den alten Bundesländern gebracht hat. Ich kenne ein paar Firmen in meiner Branche, die kurz vor dem Aus waren, als die Mauer fiel und die sich dann hier im Osten mit „sehr guten“ Preisen wieder saniert haben. Aber keine Frage, es ist viel Geld hierher geflossen. Darüber bin ich froh.

Aber wir haben auch etwas gegeben. Etwas wertvolleres als Geld: Menschen. Junge Menschen.

Eine Antwort zu Das habe ich mir aber schnell anders überlegt

  1. Nikolai sagt:

    vielen dank. der abschluss satz hat mich tief berührt.

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