Spinne

Geh jetzt lieber bevor es Ärger gibt sagte die Kellnerin. Du weißt das du nicht hier rein kommen darfst. Jaja sagte Spinne. Er war in das Kaffee gekommen, hatte sich umgeschaut wer so da ist und meinen Kollegen entdeckt, mit dem ich nach der Schicht ins Kaffee „Angereck“ gegangen war. So setze er sich an unseren Tisch und tauschte mit ihm ein paar Neuigkeiten aus. Das war ganz schön aufregend für mich, denn so nah bin ich Spinne noch nie gekommen.

Spinne nahm seinen berühmten Stock- sein „Markenzeichen“-, ein riesen Wanderstab, so groß wie er selbst mit einem wurzeligen Knuppel oben dran und ging. Alle Blicke im Kaffee folgten ihm wieder, genau wie bei seinem Eintreten. Er sah ja auch wirklich exotisch aus mit seinem alten Lodenmantel und seiner schrillen Punkfrisur. das er so viel Aufsehen erregte lag daran, dass es in Erfurt gerade mal 10-15 Punks gab- 1982/83- die Punkbewegung in der DDR hatte gerade erst begonnen und Spinne war der mutigste und auffälligste damals von Ihnen. Draußen vor dem Kaffee, dem Anger von Erfurt, durfte er nicht stehen bleiben, sondern musste gleich weiter gehen. Spinne hatte Anger Verbot. Gerichtlich. Er trug es immer in der Manteltasche und zeigte es gern mal rum. Wochen vorher trafen sich die Punks immer auf dem Anger. Sie lungerten auf den Bänken rum und machte allerlei Blödsinn. Manche Bürger amüsierten sich, viele regten sich auf. Die Staatsmacht unterband es, denn die Touristen sollten so was nicht zu sehen bekommen. Also durften Spinne und seine Punker Freunde mal über den Anger laufen, sich aber nicht hinsetzten. Dann kamen sofort die Vopos und machten Druck.

Ich selbst war damals ein Blueser. Ich hatte lange Haare, bis zur Brust, eine grüne Kutte, (später eine total verschärfte Thälmann Jacke, das war eine aus den 50er Jahren stammende Lederjacke, total verschlissen, richtige „Arbeiterjacke“) Jeder der mich sah, wußte: ich habe was gegen diesen Staat, gegen seine Ideologie, seine spießigen Bürger, Scheiß DDR eben.

Uns Blueser haben die Bonzen beobachtet, benachteiligt und geächtet. Aber die Punks, dass war dann zu viel für sie. das war sicher für die Westdeutschen Spießer schon zu viel, aber für die Kommunisten war es zu fett! Und deshalb mochte ich die Punks von Anfang an. Ich konnte nichts mit ihrer Musik, ergo Kultur anfangen, aber ich bewunderte ihren Mut und ihre Konsequenz.

Irgendwann hatte ich dann einen Lehrling an meiner Druckmaschine, Steffen, der war auch Punk. Ich war 2. Drucker an der Maschine, es gab noch einen 1. Drucker und eben den Lehrling, der dann mit dem 2. Drucker zusammen gearbeitet hat. (aus den 3 Arbeitsplätzen ist Heute 1er geworden.) Alle schikanierten ihn. Die Spießer, weil er ein“Assi“ ist und die Kommunisten im Drucksaal weil sie kommunistische Spießer waren und weil er nicht ins System passte. Ich hatte das schon vor Jahren durch, weil ich nicht nur Blueser war, sondern vor allem weil ich Christ bin. Zwar hassten mich die Kommunisten, aber bei den anderen Kollegen genoss ich nach und nach hohes Ansehen wegen meiner guten Arbeit und wegen meiner Ehrlichkeit im Bezug auf meinen Glauben, So was war sehr unüblich. In er DDR war es leicht ein Zeuge für Jesus zu sein- und es hatte Konsequenzen. Wegen meiner Stellung im Kollektiv nahm ich Steffen in Schutz, ich tröstete ihn und in meiner Gegenwart ließ ich nicht zu, dass er gedisst wurde. Er sah so schrecklich aus, so mies und dabei war er so eine Mimose. Das fand ich damals so krass. Wie kann ein so hässlicher Punk nur so sensibel sein? Eines Tages kam der Österreichische Kanzler, Herr Kirchschläger mit Genosse Honecker zu Besuch nach Erfurt. Steffen war bei seinen Kumpels auf der Bude. Sie wollten ein paar Bier holen gehen. Als sie die Haustür aufmachten stand ein Polizist (von der Bereitschaftspolizei, also ein Wehrdienstleistender) vor der Tür: Geht mal lieber wieder rein und bleibt schön drin Jungs, sonst muss ich euch mitnehmen. Jaja alles klar sagten die Punks und blieben den ganzen Tag auf der Bude. Das sie nur einen Vopo vor der Tür hatten war noch gelinde. Bekannte Oppositionelle waren am Morgen in ihren Häusern abgeholt und in der Thüringenhalle interniert worden. S0 was wurde nicht dem Zufall überlassen.

Weil ich den Druck nicht ewig aushalten konnte habe ich in der Druckerei aufgehört und bin in das Handwerk eingestiegen, eine der letzten Nischen in der DDR, ich bin geflohen. Ich habe nochmal einen neuen Beruf gelernt und deshalb bin ich jetzt Handwerksmeister. Steffen habe ich aus den Augen verloren. Ein bis zwei Jahre später erfuhr ich, dass er bei einem Saufgelage mit seinem Kumpels in den Neubaublocks von Erfurt von Balkon zu Balkon geklettert ist. Er ist abgestürzt und ums Leben gekommen. Das hat mich sehr mitgenommen. Er war jung, sensibel und ein dufter Kerl. Sicher hat er in seiner Klicke Halt, Zuneigung und Anerkennung gesucht. Aber das Leben war zu kurz um ihm eine Chance zu geben. Was Spinne jetzt macht weiß ich leider nicht. Ich weiß nur, das dieser totalitäre Staat, der seine Jugendlichen um eine Entwicklung nach ihren Fähigkeiten und Begabungen beraubt hat nicht mehr existiert. Und dafür danke ich meinem Gott, der die DDR Trotz alledem überlebt hat.

Eine Antwort zu Spinne

  1. Nikolai sagt:

    tief, häftig, krass. danke

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