Leichtfertige Einstellung?

Böhmer: Dennoch ist die Häufung nicht zu leugnen. Ich erkläre sie vor allem mit einer leichtfertigeren Einstellung zu werdendem Leben in den neuen Ländern. In der DDR wurde 1972 der Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche freigegeben. Die Frauen entschieden ganz allein.

Als ich Schüler war, in den 70er Jahren, redete unsere Bio Lehrerin immer sehr gern und sehr offen über Abtreibung. Obwohl uns das Thema nicht so interessierte, es war nicht aktuell. Für sie, die eine 100%ige war, (also Sozialistin oder so) war Abtreibung eine Errungenschaft des Sozialismus. Etwas, was uns weit über die BRD hinaus hob. Während die Frauen in der BRD in ihren Rechten unterdrückt wurden, herrscht bei uns schon totale Gleichberechtigung. Sagte sie! Sie erzählte uns schlimme Geschichten von Mädchen, die ihre Lehre noch nicht beendet haben und schwanger sind und wie gut es doch in der DDR ist, das man das Kind dann abtreiben kann. Halt: nicht das Kind! Sondern den Fötus! Es lebt ja noch nicht!

Natürlich sagte sie auch, man sollte nicht leichtfertig mit Jedem schlafen, sie redete fast jede Stunde auf uns ein Verhütungsmittel zu benutzen. Den Abtreibung, lehrte sie uns, ist nur das letzte Mittel. Weil: es kann der Gesundheit der Frau schaden und sie unfähig machen nochmal Kinder zu bekommen.

Diese Leute waren überzeugte Atheisten und lehrten uns, das das Wohl der Mutter über das Wohl des ungeborenen geht. Und das es eine große Errungenschaft ist, eine Freiheit der Frau die es nur im Sozialismus gibt.

Böhmer: “Das sehe ich nicht so. Allerdings führt die weitverbreitete Fixierung auf den Staat aus DDR-Zeiten zur Aufgabe von individueller Verantwortung. Das stört mich sehr.”

Meine – persönliche – Vermutung ist: Die Fixierung auf den Staat DDR verschlimmerte sich bei manchen noch zur Wende! Sie verloren ihren Arbeitsplatz und und ihr Umfeld (das kollektiv! Darüber werde ich noch was schreiben). Sie fielen in ein großes Loch. Wurden aber von dem Sozialstaat der BRD aufgefangen. Arbeitslosen Geld, Sozialhilfe etc. Und die Kinder dieser Leute, das ist meine Meinung, die also in dem Umfeld von Arbeitslosigkeit, resignierten Eltern / Elternteilen, Sozialhilfe, Abhängigkeit vom Sozialstaat groß geworden sind, haben das Gefühl für nichts verantwortlich zu sein. Nicht für ihr Leben, ihr Auskommen und nicht für ihren Nachwuchs. Das ist nur ein sehr kleiner Kreis von Menschen. Die Meisten sind sehr verantwortungsbewusst und – sorry- Leidens bereiter als viele im Westen (siehe die Stundenlöhne für die sie arbeiten). Aber dieser kleine Teil macht mit seinen schrecklichen, verantwortungslosen Verhalten eben die Schlagzeilen.
Ein Beispiel: Über die Mutter, die in Sömmerda ihre Kinder im Stich gelassen hat und das kleine Kind verdursten lassen hat, habe ich viel in der Zeitung gelesen. Mein persönlicher Eindruck der Geschehnisse ist folgender:
Wie viele aus diesem Milieu hatte sie vielleicht auch die Ansicht, wenn ich Kinder habe muss mir der Staat mehr geben, sich mehr um mich kümmern. Dann, so glaube ich, hatte sie wieder einen neuen Partner. Da sind die Kinder dann im Weg, denn sie sind ja nicht sein Nachwuchs. Also hat sie die Kinder stark vernachlässigt. Das bekam das Jugendamt mit und wurde aktiv. Sie bekam die Ankündigung, das das Amt sie besucht und nach den Kindern schaut. Da hat sie- meine ich- den Kindern was zu essen hingestellt und ist zu ihrer Freundin gezogen. Weil, dachte sie vielleicht, sich jetzt ja das Jugendamt um die Kinder kümmert. Sie kommen, holen die Kinder ab und stecken sie ins Heim. Aus Angst vor Schwierigkeiten hat sie sich lieber gleich versteckt. Das Jugendamt kam nicht. Die können ja nicht die Tür aufbrechen.
Ich denke einfach die Einstellung dieser Leute, die zur Wende noch Kinder waren ist: Es muss sich jemand um mich kümmern. Ob ich eine Ausbildung mache oder nicht, ob ich in die Schule gehe oder nicht, das ist doch nicht mein Problem! Wenn es aber keinen Spaß macht! der Staat muss! Ich begegne dieser Einstellung immer wieder hier im Osten.
Es ist nur ein kleiner Teil der Menschen, aber ich glaube es ist die Mischung aus DDR Eltern und Wendekindern die das hervorgebracht hat.
Lösungen? Vielleicht mehr fordern von diesen Menschen?

3 Antworten zu Leichtfertige Einstellung?

  1. butcherakis sagt:

    Hallo Jochen, mir gefällt deine Analyse sehr gut. Auch Wolfgang Böhmer hat ja das Thema Verantwortung hervorgehoben. Ich gebe dir auf jeden Fall recht, dass wir im Fall von Kindstötungen sehen können, dass die Problematik nur einen kleinen Teil der (Ost-)Deutschen Bevölkerung ausmacht. Interessant finde ich auch die Verknüpfung mit den Wendekindern, da ist auf jeden Fall was dran. Das große über allem liegende Problem aber eben letztlich das Thema Verantwortung – und die wurden den Menschen im Osten wie im Westen systemtatisch aberzogen. Und da sehen wir doch gleiche eine lebensfeindliche Grundkonstellation: Keine Verantwortung gegenüber sich selbst und keine Verantwortung gegenüber anderen! Da ist der Tot im Topf! Ich glaube deshalb nicht, dass es einfach damit getan ist, mehr zu fordern, weil die Basiskompetenzen dafür fehlen, dass die Forderung zum konstruktiven Antrieb wird.

  2. jochenklose sagt:

    Da könnte ich natürlich viele Beispiele nennen, wie zBsp. Jugendlichen Verantwortung ab erzogen wird. Da hat Du völlig Recht. In meinem Betrieb merke ich aber, das, wenn wir Jugendliche echt fordern (weil es nicht anders machbar ist), sie dann echt „gerade“ laufen. Solange sie bei uns sind. Deshalb bin ich mehr fürs fordern als Du. Aber so ein Betrieb ist eben nur ein „Kleinklima“. Man kann das nicht auf die ganze Gesellschaft übertragen. Wer hat eine bessere Idee?

  3. butcherakis sagt:

    Ich behaupte man, dass die die Jugendlichen nicht nur forderst, sondern auch förderst, und wenn auch nur in dem du ihnen irgendwie zum Ausdruck bringst, dass du für sie bist. Aber fordern wie es heutzutage von den Ämtern verstanden wird, ist Forderungen zu stellen ohne Aspekte der Förderung in Betracht zu ziehen. Interessanterweise zeigt dein Beispiel ja auch, dass die Jugendlichen dann gerade laufen, wenn sie bei dir sind, weil da eben das Klima der Förderung herrscht (das behaupte ich einfach). Aus dieser Atmosphäre heraus, kann eine Kompetenz entstehen, bereit zu sein Verantwortung zu übernehmen. Ich weiß, dieses ganze „fördern und fordern“ ist schon ziemlich ausgelutscht, aber es funktioniert oftmals eben nicht, weil es nur verordnet und nicht gelebt wird.

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