Warum Aufarbeitung schwierig sein kann

Seid ein paar Wochen denke ich über Marcus Artikel „Zeit zur Aufarbeitung“ nach. Eigentlich müsste ich doch ein Verfechter einer gründlichen, ehrlichen Aufarbeitung sein. Aber irgendwie…

Meine Gedanken sollen nicht ohne Widerspruch bleiben. Im Gegenteil. Ich möchte mit meinem Post sogar provozieren. Auch mich selbst.

Das erste Problem was ich feststelle: WIR waren doch die Guten! Uns wurde in der Schule beigebracht, dass die DDR von Antifaschisten gegründet wurde und die Faschisten alle im Westen sind. Die Mauer hieß offiziell: „Antifaschistischer Schutzwall“. Was doch ganz klar zeigt, dass wir die gute Seite der Welt vor dem Faschismus beschützen. Auch wenn man das als Erwachsener natürlich nicht glaubt, geht diese Dauer Berieselung mit Ideologie nicht ganz spurlos an einem vorbei. Das merke ich eben bei diesem Thema.

Zum Thema Verklärung: Ein Schulfreund, den ich öfter treffe, sagte schon mehrmals zu mir, wenn wir über solche Themen sprachen: „Das war doch keine schlechte Zeit! Es war doch eine schöne Zeit!“ Dann sage ich: „Das war unsere Kindheit und Jugend, was soll daran schlecht sein?“ Die Ossis fühlen sich persönlich angegriffen wenn sie Aufarbeitung der DDR Vergangenheit hören, so als wären sie grundsätzlich schuldig. Egal für was. Sie wissen nicht für was sie da verantwortlich sein sollen. So verstehen sie das Thema aber leider. Aufarbeitung: wer da gelebt hat ist schuldig! Dabei fühlen sich die Ossis (ich nicht) als zweifach betrogene. Erstens mussten sie in der DDR leben und konnten das goldenen Schlaraffenland nur im Fernsehen anschauen und dann nach der Wende wurden ihnen blühende Landschaften versprochen und genau das Gegenteil war der Fall. Arbeitslosigkeit, zerschlagenen Betriebe, das Wegbrechen einer ganzen (im Nachhinein heilen) Welt. Weil sie nicht das bekamen was ihnen versprochen wurde (wurde es versprochen?) verklären sie jetzt die Vergangenheit. Und verwechseln DDR Vergangenheit mit ihren persönlichen Leben. Und ein bisschen…gehts mir auch so. Die Probleme jetzt überschatten bei mir die Vergangenheit. Für mich ist das wie eine andere Welt, weit weg.

Außer wenn ich diesen alten Mann auf dem Friedhof sehe, wie er auf dem Friedhof stundenlang die Wege säubert und berechnet (mit der Harke so schöne Striche im Kies zieht). (Es kam mir lange Zeit so vor, das er irgend was ab arbeiten will. Eine Schuld? Aber das war vielleicht nur MEIN Eindruck) Wenn er mich sieht, dann schaut er auf und grüßt mich über die Maßen freundlich. So als wären wir sehr gute Freunde seit ewigen Zeiten. Dabei weiß ich genau, dass dieser Mann mich Oben angeschissen hat. Meine christlichen Jugendstreiche an die GANZ große Glocke gehängt hat und mir so Schwierigkeiten gemacht hat. Ja, mein weiteres Leben hat er damit verändert. Das kann ich nicht vergessen wenn ich ihn sehe. Ich sehe immer noch den Hardliner, den Stasimann in ihm. Aber hasse ich ihn? Nein. Ich kann nicht. er ist ein alter gebrechlicher Mann. Er tut mir leid. Er soll seine Ruhe haben. Ist das richtig? Schreibt es!

Eine Antwort zu Warum Aufarbeitung schwierig sein kann

  1. Marcus B. sagt:

    Ein genialer Beitrag und ein super Beispiel.

    Dieser Mann ist ein eindeutiger Wendeverlierer. Er hat sich schuldig gemacht – wenn auch „nur“ als Opportunist. Vielleicht sah er für sich keine anderen Möglichkeiten. Ich will nicht über diesen Mann richten. Er muss in irgendeiner Weise mit seiner Vergangenheit umgehen – schade, wenn er „nur“ seine Schuld auf dem Friedhof abarbeitet.

    Dein Umgang damit? Du kannst nicht hassen. Er tut dir leid. Super! Aufarbeitung heißt nicht Gefühle haben, die gar nicht da sind. Aufarbeitung heißt das zuzulassen, was ich wegdrücke und nicht wahrhaben will. Wegdrücken kann ich auch, in den ich die alten Zeiten verherrliche.

    Soweit mal mal erster Kommentar dazu. Ich werde, denke ich, in einem eigenen Beitrag nochmals darauf eingehen.

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