Ruf aus Leipzig

23. Okt 2009

Leipzig nahm während der friedlichen Revolution eine Schlüsselrolle ein. Aus Leipzig gingen gerade in der Endphase wichtige Signale aus. 20 Jahre später erschallt wieder ein mahnender Ruf aus Leipzig, auf den ich hier aufmerksam machen will. Mehr Infos dazu auf www.herbst89.de.

Ruf aus Leipzig

Der entscheidende Tag der Friedlichen Revolution war der 9. Oktober 1989 in Leipzig, als 70.000 Demonstranten die kommunistische Diktatur stürzten. Damit wurde in Leipzig Nationalgeschichte geschrieben und der Weg zur Einheit Deutschlands frei. Die Formel, die dies am besten ausdrückt heißt „40 + 20 = 60“.

Die „Initiative Tag der Friedlichen Revolution“ hat sich das Ziel gesetzt, im Vorfeld des 60. Jahrestags der Bundesrepublik Deutschland diese Formel mit einem Aufruf in die Öffentlichkeit zu bringen.

Persönlichkeiten des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens der Stadt Leipzigs haben diesen Aufruf unterzeichnet.

„40 + 20 = 60 Jahre Bundesrepublik“

Im Jahr 2009 wird an die Gründung der Bundesrepublik vor 60 Jahren erinnert werden, an einen Tag, an dem im westlichen Teil Deutschlands die Lehren aus der Vergangenheit gezogen wurden und eine bis heute stabile Demokratie gleichberechtigter Partner in die westliche und europäische Völker- und Wertegemeinschaft geschaffen. Den Menschen in der kommunistischen deutschen Diktatur blieb dieser Weg für vier Jahrzehnte versperrt. Sie lebten in einer totalitären Diktatur unter dem Diktat der sowjetischen Hegemonialmacht. Erst durch die Friedliche Revolution beendeten die Menschen in der DDR 1989 diesen erzwungenen und unfreien Zustand. Sie errangen ihre Freiheit und schufen gleichzeitig die Voraussetzung für die deutsche Wiedervereinigung und den weiter voranschreitenden europäischen Einigungsprozess.

Vor diesem Hintergrund ist das Jahr 2009 auch das Jahr der 20. Wiederkehr der Friedlichen Revolution von 1989 mit ihrem Höhepunkt in Leipzig am 9. Oktober, als 70.000 Demonstranten mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ das SED-Regime stürzten. Die jüngste deutsche Geschichte lässt sich mit diesem Scheitelpunkt einteilen in 40 Jahre der Zweistaatlichkeit und darauf folgend in 20 Jahre eines vereinten Deutschland.

„40 + 20“ ist die Formel, die dies und eine gemeinsame Sicht der Ost- und Westdeutschen auf ihre Geschichte ausdrückt. Die Friedliche Revolution ist ein wesentlicher Teil der demokratischen Traditionslinie der Bundesrepublik und gehört als erster gelungener antidiktatorischer Aufstand zu den besonderen Ereignissen unserer Geschichte, auf den alle Deutschen stolz sein können. Die Demokratie wurde im Osten Deutschlands 1989/90 von den Bürgern selbst errungen und in gesellschaftlicher Selbstvergewisserung ein zweites Mal bestätigt.

„40 + 20“ bedeutet auch, sich mit der vierzigjährigen Geschichte der zweiten deutschen Diktatur auseinander zu setzen und hier nicht den Nostalgikern das Feld zu überlassen. Festigung der Demokratie bedeutet ständige, nicht nachlassende Kritik an beiden, nicht gleichzusetzenden, deutschen Diktaturen. Diese muss verbunden sein mit dem Bekenntnis zu Freiheit, Demokratie, Wahrung der Menschenrechte und sozialer Marktwirtschaft. Der europäische Gedanke wird sich nur auf dieser Grundlage weiter erfolgreich entwickeln. Friedliche Revolution und Wiedervereinigung gehören zu den großen Daten der deutschen Nationalgeschichte und können die Identität begründen, die einer selbstbewussten Bundesrepublik im sechzigsten Jahr ihres Bestehens angemessen ist und in das 21. Jahrhundert weist.

Das Jubiläum 2009 sollten alle Bürger der Bundesrepublik als einen Meilenstein der deutschen Geschichte feiern können. Es ist die Chance, die positiven Traditionen der Friedlichen Revolution angemessen in der gesamtdeutschen Geschichte zu verankern und wieder stärker für die Werte von Freiheit und Demokratie zu sensibilisieren.

Leipzig, den 18. Juni 2007

Unterzeichner:

  • Prof. Kurt Masur, Ehrenbürger der Stadt Leipzig, Gewandhauskapellmeister 1970-1996
  • Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig
  • Prof. Friedrich Wilhelm Mohr, Ärztlicher Direktor Herzzentrum Universität Leipzig
  • Prof. Georg Christoph Biller, Thomaskantor Leipzig
  • Pfarrer Christian Führer, Nikolaikirche Leipzig
  • Walter Christian Steinbach, Regierungspräsident Leipzig
  • Dr. Jörg Junhold, Geschäftsführer Zoo Leipzig
  • Christine Clauß, MdL, CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag
  • Robert Clemen, MdL, CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag
  • Rainer Fornahl, MdB, SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag
  • Hans-Dietrich Genscher, Bundesminister d. D.
  • Katrin Göring-Eckardt, MdB, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen im Deutschen Bundestag
  • Gunther Hatzsch, MdL, Vizepräsident des Sächsischen Landtags, SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag
  • Dr. Rolf Jähnichen, MdL, CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag, Staatsminister a.D.
  • Gisela Kallenbach, MdEP, Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen, Grüne / EFA im Europäischen Parlament
  • Volker Kauder, MdB, Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag
  • Konstanze Krehl, MdEP, Fraktion SPD / SPE im Europäischen Parlament
  • Dr. Helmut Kohl, Bundeskanzler a.D.
  • Holger Kramer, MdEP, Fraktion FDP, ALDE im Europäischen Parlament
  • Dr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestags
  • Monika Lazar, MdB, Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen im Deutschen Bundestag
  • Dr. h. c. Erich Loest, Ehrenbürger der Stadt Leipzig, Schriftsteller
  • Prof. Dr. Georg Milbradt, Ministerpräsident des Freistaats Sachsen
  • Cornelia Pieper, MdB, stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag
  • Dr. Harald Ringstorff, Bundesratspräsident
  • Helmut Schmidt, Bundeskanzler a.D.
  • Jutta Schmidt, MdL, CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag
  • Rolf Seidel, MdL, CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag
  • Dr. Peter Struck, MdB, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Bundesminister a.D.
  • Dr. h. c. Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestags
  • Wolfgang Tiefensee, Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Mitglied des SPD-Parteivorstands
  • Prof. Dr. Klaus Töpfer, Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau a. D.
  • Christoph Waitz, MdB, FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag
  • Gunter Weißgerber, MdB, SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag
  • Dr. Guido Westerwelle, MdB, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag

Du bist mir fremd

7. Sep 2009

20 Jahre Mauerfall bedeutet ja nicht, dass zwischen Ost und West eine Liebesbeziehung entstanden ist und schon gar nicht eine Liebesheirat (wobei mir der Begriff Zwangsheirat auch nicht gefallen würde). Heute lese ich im Meininger Tageblatt, dass die Vorbehalte des Westens gegenüber dem Osten wohl sogar noch höher seien als andersherum. Der Psychoanalytiker Günter Jerouschek behauptet: „Westdeutsche haben ihre vermeintliche Besserstellung über Jahrzehnte hinweg verinnerlicht.“  Die Einstellung kommt wohl noch aus Zeiten des Kalten Kriegen und wurde auch an die jüngere Generation weitergegeben. Die von den Ostdeutschen gepflegte Ostalgie (also das Gegenteil von Westalgie) sei eine Antwort auf das westdeutsche Phänomen: „Das sind zwei Seiten einer Medallie“.

Interessanterweise hat sich unser Innenminister jetzt zu Wort gemeldet und hat zu mehr Verständnis für die Gefühle vieler Ostdeutscher aufgerufen: „Die Menschen im Osten haben seit dem Fall der Mauer viele Kränkungen erlebt.“

Objektiv hat er Recht. Ich höre aber zwischen den Zeilen auch hier etwas von der westlichen Vormachtstellung – oder höre ich das Gras wachsen?


Ostalgie

28. Sep 2008


Honecker im Staatsarchiv

11. Mär 2008

Honecker im StaatsarchivLetzte Woche war ich bei einer Führung im Thüringer Staatsarchiv in Meiningen. Das war eine sehr interessante Angelegenheit. Dabei kamen wir auch in die Abteilung des SED-Archivs des Bezirkes Suhl. Und da hing ein Bild von Honecker. Aber das ist nicht irgendein Bild, sondern eins, wie es in jedem Archiv in DDR-Zeiten gelagert wurde.

Kleines Rätsel: Was ist das Besondere an diesem Bild? 


Warum Aufarbeitung schwierig sein kann

2. Feb 2008

Seid ein paar Wochen denke ich über Marcus Artikel „Zeit zur Aufarbeitung“ nach. Eigentlich müsste ich doch ein Verfechter einer gründlichen, ehrlichen Aufarbeitung sein. Aber irgendwie…

Meine Gedanken sollen nicht ohne Widerspruch bleiben. Im Gegenteil. Ich möchte mit meinem Post sogar provozieren. Auch mich selbst.

Das erste Problem was ich feststelle: WIR waren doch die Guten! Uns wurde in der Schule beigebracht, dass die DDR von Antifaschisten gegründet wurde und die Faschisten alle im Westen sind. Die Mauer hieß offiziell: „Antifaschistischer Schutzwall“. Was doch ganz klar zeigt, dass wir die gute Seite der Welt vor dem Faschismus beschützen. Auch wenn man das als Erwachsener natürlich nicht glaubt, geht diese Dauer Berieselung mit Ideologie nicht ganz spurlos an einem vorbei. Das merke ich eben bei diesem Thema.

Zum Thema Verklärung: Ein Schulfreund, den ich öfter treffe, sagte schon mehrmals zu mir, wenn wir über solche Themen sprachen: „Das war doch keine schlechte Zeit! Es war doch eine schöne Zeit!“ Dann sage ich: „Das war unsere Kindheit und Jugend, was soll daran schlecht sein?“ Die Ossis fühlen sich persönlich angegriffen wenn sie Aufarbeitung der DDR Vergangenheit hören, so als wären sie grundsätzlich schuldig. Egal für was. Sie wissen nicht für was sie da verantwortlich sein sollen. So verstehen sie das Thema aber leider. Aufarbeitung: wer da gelebt hat ist schuldig! Dabei fühlen sich die Ossis (ich nicht) als zweifach betrogene. Erstens mussten sie in der DDR leben und konnten das goldenen Schlaraffenland nur im Fernsehen anschauen und dann nach der Wende wurden ihnen blühende Landschaften versprochen und genau das Gegenteil war der Fall. Arbeitslosigkeit, zerschlagenen Betriebe, das Wegbrechen einer ganzen (im Nachhinein heilen) Welt. Weil sie nicht das bekamen was ihnen versprochen wurde (wurde es versprochen?) verklären sie jetzt die Vergangenheit. Und verwechseln DDR Vergangenheit mit ihren persönlichen Leben. Und ein bisschen…gehts mir auch so. Die Probleme jetzt überschatten bei mir die Vergangenheit. Für mich ist das wie eine andere Welt, weit weg.

Außer wenn ich diesen alten Mann auf dem Friedhof sehe, wie er auf dem Friedhof stundenlang die Wege säubert und berechnet (mit der Harke so schöne Striche im Kies zieht). (Es kam mir lange Zeit so vor, das er irgend was ab arbeiten will. Eine Schuld? Aber das war vielleicht nur MEIN Eindruck) Wenn er mich sieht, dann schaut er auf und grüßt mich über die Maßen freundlich. So als wären wir sehr gute Freunde seit ewigen Zeiten. Dabei weiß ich genau, dass dieser Mann mich Oben angeschissen hat. Meine christlichen Jugendstreiche an die GANZ große Glocke gehängt hat und mir so Schwierigkeiten gemacht hat. Ja, mein weiteres Leben hat er damit verändert. Das kann ich nicht vergessen wenn ich ihn sehe. Ich sehe immer noch den Hardliner, den Stasimann in ihm. Aber hasse ich ihn? Nein. Ich kann nicht. er ist ein alter gebrechlicher Mann. Er tut mir leid. Er soll seine Ruhe haben. Ist das richtig? Schreibt es!


Zeit zur Aufarbeitung

19. Nov 2007

Wie steht es eigentlich in unserem Land um die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit? Man sagt, die wissenschaftliche Aufarbeitung der DDR-Zeit sei sehr weit fortgeschritten – aber wie sieht es mit der Aufarbeitung dieser Zeit bei der Bevölkerung aus? Ich verstehe die Argumente, dass auch zur Aufarbeitung der Nazizeit 25 Jahre Abstand brauchte. Aber ein Vergleich beider Dikaturen scheint mir schwierig. Ich bin schon besorgt daürber, wie verklärt das Leben in der DDR-Diktatur von vielen Mitbürgern dargestellt wird. Der Buchtitel von Stefan Wolle drückt hierzu viel zum Ausdruck: „Die heile Welt der Diktatur„. Der Stand der Aufarbeitung scheint mir im Leben der Menschen nicht wirklich angekommen zu sein. Natürlich „war nicht alles schlecht“, aber das reicht mir nicht zur Bewältigung dieses Teils der deutschen Geschichte. Der Umgang mit der DDR-Vergangenheit ist mir zu selbstverständlich. Natürlich ist diese Aufarbeitung nicht in schwarz-weiß-Kategorien anzugehen. Natürlich muss auch die reale Enttäuschung, Überforderung und vielleicht manchmal die Verbitterung in die Betrachtungen mit einbezogen werden. Aber ein einfaches „früher war alles besser“ wird den Opfern nicht gerecht.

Eine fehlende ehrliche Aufarbeitung wird uns im Osten auch nicht, dahin führen, die Zukunft zu gestalten. Um in eine Entwicklung zu kommen, müssen wir das anschauen und bewerten was war. Sind wir bereit an eine Zukunft im Osten zu glauben? Okay, dann müssen wir Wege zur Aufarbeitung finden, die bei den Menschen ankommen.

In der aktuellen ZEIT habe ich ein interessantes Interview mit Salomon Korn gelesen, in dem die beiden deutschen Diktaturen behandelt werden.