„Chor ohne Grenzen“ Flashmob zum Mauerfall-Gedenken

20. Nov 2009

Ich bin begeistert über die Krativität mit der an die Ereignisse von vor 20 Jahren gedacht wurde.

Einzigartige Momente im Leipziger Hauptbahnhof: 20 Jahre nach dem Mauerfall singen hunderte Menschen gemeinsam Beethovens „Ode an die Freude“, und Startenor Paul Potts ist auch mit dabei!

Initiator der Aktion ist die Deutsche Telekom, die damit der aktuellen Kampagne „Grenzen gab’s gestern“ ihren Höhepunkt verleiht.


Die Grenzgängertour – entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze

18. Nov 2009

Im Herbst 2008 entstand anlässlich des Gedenkens an 18 Jahre Wiedervereinigung bei mir die Idee den ehemaligen Grenzverlauf näher kennen zu lernen. 20 Jahre nach dem Wunder des Mauerfalls schien mir dafür eine besondere Zeit zu sein.  Bei meinen Recherchen bin ich dann auf die Feierlichkeiten in Berlin (Fest der Freiheit) gestoßen. Wäre es nicht großartig daran teilzunehmen? Kurz nachgedacht und entschieden: Ja, ich will dabei sein und es mit einer Tour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze zu verbinden. Inspiriert hat mich im weitern dazu ein Zitat, dass ich in der FAZ ließ, in dem es heißt, dass ein Studium der Grenze der beste Weg ist sich dem Staat DDR zu nähern.

Dabei hat mich nicht nur das Grenzgebiet interessiert, sondern als Theologe habe ich mich auch ein wenig mit der Rolle der Kirche während der Friedlichen Revolution beschäftigt. „Das Licht kam aus der Kirche“ steht jetzt auch vor der Meininger Stadtkirche.  Wie in den Kirchen gebetet und Lichter angezündet wurden, so wollte auch ich an Plätzen der ehemaligen Grenze für beten, für das Wunder der Friedlichen Revolution danken und Kerzen als Zeichen des Friedens und Gottes Gegenwart anzünden.

Ich suchte Mitstreiter und fand welche. Mit drei weiteren Meiningern und einer Frau aus Franken machte ich mich auf die Reise die ehemalige deutsch-deutsche Grenze mit dem Auto abzufahren.

Die nächsten Tage werde ich hier über unsere Eindrücke berichten.

Der Tourverlauf:

  • 5.11 Meiningen – Leipzig – Regnitzlosau (bayrisch-sächsisch-tschechische Grenze)
  • 6.11 Regnitzlosau – entlang der bayrisch-thüringisch und hessisch-thüringischen Grenze nach Großburschla mit Stops in
    • Mödlareuth (durch eine Mauer geteiltes Dorf)
    • Billmuthausen (Dorf wurde zerstört und die Bewohner zwangsumgesiedelt)
    • Point Alpha (amerikanische Militärbasis in der Rhön)
  • 7.11 Großburschla – entlang des niedersächische-sachsen-anhaltinischen Grenzgebietes nach Rüterberg (Mecklenburg-Vorpommern) mit Stops in
    • Eichsfeld (Grenzmuseum zwischen Teistungen und Duderstädt)
    • Marienborn (Grenzkontrollpunkt)
  • 8.11 Rüterberg – Priwall (Halbinsel an der Ostsee) – Berlin
  • 9.11 Berlin mit Teilnahme an den offiziellen Feierlichkeiten am Pariser Platz (Fest der Freiheit)
  • 10.11 Berlin – Meiningen

Ruf aus Leipzig

23. Okt 2009

Leipzig nahm während der friedlichen Revolution eine Schlüsselrolle ein. Aus Leipzig gingen gerade in der Endphase wichtige Signale aus. 20 Jahre später erschallt wieder ein mahnender Ruf aus Leipzig, auf den ich hier aufmerksam machen will. Mehr Infos dazu auf www.herbst89.de.

Ruf aus Leipzig

Der entscheidende Tag der Friedlichen Revolution war der 9. Oktober 1989 in Leipzig, als 70.000 Demonstranten die kommunistische Diktatur stürzten. Damit wurde in Leipzig Nationalgeschichte geschrieben und der Weg zur Einheit Deutschlands frei. Die Formel, die dies am besten ausdrückt heißt „40 + 20 = 60“.

Die „Initiative Tag der Friedlichen Revolution“ hat sich das Ziel gesetzt, im Vorfeld des 60. Jahrestags der Bundesrepublik Deutschland diese Formel mit einem Aufruf in die Öffentlichkeit zu bringen.

Persönlichkeiten des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens der Stadt Leipzigs haben diesen Aufruf unterzeichnet.

„40 + 20 = 60 Jahre Bundesrepublik“

Im Jahr 2009 wird an die Gründung der Bundesrepublik vor 60 Jahren erinnert werden, an einen Tag, an dem im westlichen Teil Deutschlands die Lehren aus der Vergangenheit gezogen wurden und eine bis heute stabile Demokratie gleichberechtigter Partner in die westliche und europäische Völker- und Wertegemeinschaft geschaffen. Den Menschen in der kommunistischen deutschen Diktatur blieb dieser Weg für vier Jahrzehnte versperrt. Sie lebten in einer totalitären Diktatur unter dem Diktat der sowjetischen Hegemonialmacht. Erst durch die Friedliche Revolution beendeten die Menschen in der DDR 1989 diesen erzwungenen und unfreien Zustand. Sie errangen ihre Freiheit und schufen gleichzeitig die Voraussetzung für die deutsche Wiedervereinigung und den weiter voranschreitenden europäischen Einigungsprozess.

Vor diesem Hintergrund ist das Jahr 2009 auch das Jahr der 20. Wiederkehr der Friedlichen Revolution von 1989 mit ihrem Höhepunkt in Leipzig am 9. Oktober, als 70.000 Demonstranten mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ das SED-Regime stürzten. Die jüngste deutsche Geschichte lässt sich mit diesem Scheitelpunkt einteilen in 40 Jahre der Zweistaatlichkeit und darauf folgend in 20 Jahre eines vereinten Deutschland.

„40 + 20“ ist die Formel, die dies und eine gemeinsame Sicht der Ost- und Westdeutschen auf ihre Geschichte ausdrückt. Die Friedliche Revolution ist ein wesentlicher Teil der demokratischen Traditionslinie der Bundesrepublik und gehört als erster gelungener antidiktatorischer Aufstand zu den besonderen Ereignissen unserer Geschichte, auf den alle Deutschen stolz sein können. Die Demokratie wurde im Osten Deutschlands 1989/90 von den Bürgern selbst errungen und in gesellschaftlicher Selbstvergewisserung ein zweites Mal bestätigt.

„40 + 20“ bedeutet auch, sich mit der vierzigjährigen Geschichte der zweiten deutschen Diktatur auseinander zu setzen und hier nicht den Nostalgikern das Feld zu überlassen. Festigung der Demokratie bedeutet ständige, nicht nachlassende Kritik an beiden, nicht gleichzusetzenden, deutschen Diktaturen. Diese muss verbunden sein mit dem Bekenntnis zu Freiheit, Demokratie, Wahrung der Menschenrechte und sozialer Marktwirtschaft. Der europäische Gedanke wird sich nur auf dieser Grundlage weiter erfolgreich entwickeln. Friedliche Revolution und Wiedervereinigung gehören zu den großen Daten der deutschen Nationalgeschichte und können die Identität begründen, die einer selbstbewussten Bundesrepublik im sechzigsten Jahr ihres Bestehens angemessen ist und in das 21. Jahrhundert weist.

Das Jubiläum 2009 sollten alle Bürger der Bundesrepublik als einen Meilenstein der deutschen Geschichte feiern können. Es ist die Chance, die positiven Traditionen der Friedlichen Revolution angemessen in der gesamtdeutschen Geschichte zu verankern und wieder stärker für die Werte von Freiheit und Demokratie zu sensibilisieren.

Leipzig, den 18. Juni 2007

Unterzeichner:

  • Prof. Kurt Masur, Ehrenbürger der Stadt Leipzig, Gewandhauskapellmeister 1970-1996
  • Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig
  • Prof. Friedrich Wilhelm Mohr, Ärztlicher Direktor Herzzentrum Universität Leipzig
  • Prof. Georg Christoph Biller, Thomaskantor Leipzig
  • Pfarrer Christian Führer, Nikolaikirche Leipzig
  • Walter Christian Steinbach, Regierungspräsident Leipzig
  • Dr. Jörg Junhold, Geschäftsführer Zoo Leipzig
  • Christine Clauß, MdL, CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag
  • Robert Clemen, MdL, CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag
  • Rainer Fornahl, MdB, SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag
  • Hans-Dietrich Genscher, Bundesminister d. D.
  • Katrin Göring-Eckardt, MdB, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags, Vorsitzende der Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen im Deutschen Bundestag
  • Gunther Hatzsch, MdL, Vizepräsident des Sächsischen Landtags, SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag
  • Dr. Rolf Jähnichen, MdL, CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag, Staatsminister a.D.
  • Gisela Kallenbach, MdEP, Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen, Grüne / EFA im Europäischen Parlament
  • Volker Kauder, MdB, Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag
  • Konstanze Krehl, MdEP, Fraktion SPD / SPE im Europäischen Parlament
  • Dr. Helmut Kohl, Bundeskanzler a.D.
  • Holger Kramer, MdEP, Fraktion FDP, ALDE im Europäischen Parlament
  • Dr. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestags
  • Monika Lazar, MdB, Fraktion Bündnis 90 / Die Grünen im Deutschen Bundestag
  • Dr. h. c. Erich Loest, Ehrenbürger der Stadt Leipzig, Schriftsteller
  • Prof. Dr. Georg Milbradt, Ministerpräsident des Freistaats Sachsen
  • Cornelia Pieper, MdB, stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag
  • Dr. Harald Ringstorff, Bundesratspräsident
  • Helmut Schmidt, Bundeskanzler a.D.
  • Jutta Schmidt, MdL, CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag
  • Rolf Seidel, MdL, CDU-Fraktion im Sächsischen Landtag
  • Dr. Peter Struck, MdB, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag, Bundesminister a.D.
  • Dr. h. c. Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestags
  • Wolfgang Tiefensee, Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Beauftragter der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Mitglied des SPD-Parteivorstands
  • Prof. Dr. Klaus Töpfer, Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau a. D.
  • Christoph Waitz, MdB, FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag
  • Gunter Weißgerber, MdB, SPD-Fraktion im Deutschen Bundestag
  • Dr. Guido Westerwelle, MdB, Vorsitzender der FDP-Fraktion im Deutschen Bundestag

Erinnerung lebendig halten

21. Okt 2009

Auch in Meiningen wird an die Ereignisse der friedlichen Revolution vor 20 Jahren gedacht. Dazu erschien in der Meininger Lokalzeitung (Meininger Tageblatt) eine Artikel von Dr. Karl-Jürgen Amthor. Er war einer der Redner bei den Firedensgebeten der Stadtkirche in Meiningen. Hier ein paar Ausschnitte aus seinem Artikel:

„Wenn die DDR überlebt hätte, wäre inzwischen ‘Honecker IV’ viel geringer als ‘Hartz IV’. Es würde nur nicht so stören, weil es sowieso nichts mehr zu kaufen gäbe. Und wehe dem, der sich beklagt hätte!“

„Zusammenfassend beurteile ich unsere Bemühungen von 1989 in Anlehnung an den alten Fritz: „Es ist nicht so gut geworden wie erwartet, aber auch nicht so schlecht, wie es hätte werden können.“ Wir haben statt der kommunistischen Diktatur eine Parteiendemokratie, in der es den meisten von uns besser geht als früher! Und die Wirtschaft ist in Fahrt gekommen. Das ist wichtig, denn sie ist nicht alles, aber alles geht nicht ohne sie. Leider erinnert der jetzige Zustand, in dem die Parteien mit ihren Wahllisten wenig Wahl lassen, eher an eine Parteienoligarchie, zumal diesen Parteien weniger als drei Prozent der wahlberechtigten Deutschen angehören! Die Parteienoligarchie muss durch eine Vereinfachung des Wahlrechts mit drastischer Verringerung der Listenplätze und Mehrheitswahlrecht zu mehr Demokratie gebracht werden.“

„Aber im Gegensatz zum real existierenden Sozialismus in der DDR kann unsere jetztige Parteienherrschaft verbessert werden. Aus der DDR wäre nichts Gutes mehr geworden. Deshalb war es richtig im herbst 1989 in die Kirchen und auf die Straßen zu gehen. Das haben wir für mehr Freiheit getan, nicht als dumme, chauvinistischen, konsumwütige Bananenfresser, wie es auf linken Gegendemonstrationen in der alten Bundesrepublik … dargestellt wurde.“


Unterschiedliche Perspektiven

18. Okt 2009

Hier zwei Videoclips, die interessante Perspektiven auf die DDR-Zeit und die Umbruchsmonate geben.

Clip 1: H-O. Bräutigam, Ch. Führer und F. Schorlemmer sprechen über die friedliche Revolution.

Clip 2: F. Schorlemmer spricht über seine Heimt DDR.


Protokoll der Montagsdemo vom 16.10.1989 in Leipzig

15. Okt 2009

Hier der Bericht von Reinhard Bernhof zu Montagsdemonstration vom 16.10.1969 in Leipzig, den ich hier gefunden habe. Der Text ist ein Ausschnitt   aus: 15 Jahre Mauerfall, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 41-42/2004). Ich übernehme ihn hier im Gedenken an die mutigen Demonstranten.

Das zeithistorische Protokoll der Leipziger Montagsdemonstration vom 16. Oktober 1989 schildert folgende Initiative: Zögernde Menschen, die unter großer Gefahr für den demokratischen Wandel werben. Reinhard Bernhof ist Schriftsteller und hat 1988/89 das Neue Forum in Leipzig mitbegründet.

Am 16. Oktober 1989 stand ich nachmittags vor der Nikolaikirche. Sie zu betreten war nicht möglich. Es galt wohl noch immer, was ich später ineinem chiffrierten Fernschreiben der SED-Bezirksleitung Leipzig an Egon Krenz las, nämlich dass vorbeugende Maßnahmen gegen „negativ-feindliche Handlungen von Kräften des politischen Untergrunds im Bereich der Leipziger Innenstadt (Schwerpunkt Nikolaikirche, Thomaskirche und Reformierte Kirche) durch Mitglieder der Partei in Größenordnungen zu ergreifen sind, die das Auftreten konterrevolutionärer und rowdyhafter Elemente ausschließen. Dazu sind am 9. Oktober 1989 – 15.00 Uhr – aus dem Stadtparteiaktiv, dem sozialistischen Jugendverband, der Gewerkschaft 5000 Partei-, FDJ- und Gewerkschaftsmitglieder auf dem Vorplatz der Nikolaikirche zu formieren. Bei diesem Einsatz ist zu sichern, daß mit Öffnung der Nikolaikirche zum ‘Gebet’ sofort 2000 Parteiaktivisten im Innenraum Platz nehmen und der Zugang negativer Kräfte weitgehend eingeschränkt wird. Die Mitglieder der Partei und FDJ, die nicht im Kircheninnern Platz finden, übernehmen den Auftrag, die Formierung negativer Kräfte auf dem Kirchplatz zu verhindern. Es ist eine Reserve von 500 Genossen zu schaffen, die bei beabsichtigten Veranstaltungen in der Thomas- und Reformierten Kirche sofort zum Einsatz kommen kann.“

Ich ging in das gegenüberliegende Fachbuch-Antiquariat, wo ich mich manchmal aufhielt. Über das Pflanzenbuch in meiner Hand hinweg blickte ich immer wieder auf den Kirchplatz. Zu zweit und zu dritt standen einige mit dem Rücken zum Schaufenster, trafen wie zufällig aufeinander, sahen sich verunsichert um. Einzelne Leute strichen über den Vorplatz, kamen wieder zurück. Ein hagerer Mann mit grimmigen Zügen und strenger Entschlossenheit schaute auf die Uhr. Ich blätterte und bewunderte die farbigen Abbildungen eines Ginkgobaumes. In einem Fachbuch der ehemaligen Leipziger Firma Bleichert, die einst Seilbahnen baute, in der DDR hieß sie „TAKRAF Paul Fröhlich“, sah ich mich in einer Gondel zwischen Eisgletschern zur Zugspitze oder zwischen Palmen und Meeresrauschen auf den Zuckerhut fahren.

Als ich erneut nach draußen blickte, sah ich bereits eine Menschenmenge. Jugendliche direkt vor dem Kircheneingang winkten keck einer Kamera entgegen. Auch ich hatte ihr Rotieren auf dem Dach des gegenüberliegenden Pelzzentrums registriert. Gespannt wartete jeder auf das Ende des Friedensgebets. Von westlichen Kameraleuten nicht die geringste Spur. Sie hatten strikte Auflagen, sich außerhalb der Hauptstadt nicht mehr in Richtung „Realexistierendes“ zu begeben.

Langsam verließ ich das Antiquariat. Es waren inzwischen vielleicht ein- oder zweihundert Menschen versammelt, manche von ihnen gewiss jene Beorderten. In wenigen Minuten, aus der Kirche tretend, würden sich die frommen Genossen unter das Volk mischen. Doch wie wollten sie in dem Gewimmel ihre Parteilichkeit beweisen? Ihren Klassenstandpunkt? Den meisten, nahm ich an, waren diese Gedanken nur peinlich, und sie würden eilig weggehen.

Jemand tippte mich von der Seite an. Sylvia Kabus stand neben mir, außer Atem. Von wo war sie gekommen? Ich ging mit ihr zurück ins Antiquariat und besprach das dritte Heft unserer illegalen Literatur-Zeitschrift „Umfeldblätter“. Sie hatte mir die dafür in Frage kommenden neuen Texte von dem Physiker Karl-Peter Dostal, der an der Karl-Marx-Universität lehrte, Aphorismen von Horst Drescher und den Essay „Die maßlose Gesellschaft“ von Winfried Völlger mitgebracht. Völlger, der in Halle lebte, hatte diesen Essay als Diskussionsbeitrag im Mai 1989 anlässlich der Tage der Kinder- und Jugendliteratur, die im Bezirk Leipzig stattfanden, gelesen, und es hatte sich sofort herumgesprochen: Ich warf einen kurzen Blick auf Völlgers Seiten – und sofort hakten sich einige Sätze bei mir ein: „Wo der Handlungsspielraum sich verengt, wo das Meer Freiheit durch immer perfektere Reglementierungen eingeengt wird zur schmalen Fahrrinne, wo also Freiheit verloren geht, verlieren die ethischen Werte ihren Sinn als Navigationsinstrumente, sie büßen ihre soziale Funktion ein. Es kommt zur ethischen Inflation.“

Unmerklich, ich traute meinen Augen kaum, hatte sich der Platz mit Menschen gefüllt, die von der Ritterstraße, Goethestraße, Reichsstraße sternförmig herbeieilten. Da gingen die Türen von St. Nikolai auf. Die ersten strömten heraus, sahen sich verstört um. Schwerfällig aussehende Männer von kleinem Wuchs, ältere Jahrgänge, in Mänteln, mit Aktentasche. Stets ihr sächsischer Akzent, singend und schleppend, in meinen Ohren. Ein bleicher dicker Mann, der mit abwesender Miene vor sich hinstarrte. Das kreisrunde Gesicht von glatter, glänzender Haut. Vielleicht hatte er vorher in irgendeinem Amt, einer Abteilung gearbeitet, war nun benommen. Oder ich täuschte mich und es war der Bischof persönlich?

Sie tauchten unter in der anschwellenden Menge. Unversehens standen wir in einer Drängelei und hatten kaum noch Platz für den kleinsten Schritt. Eingeklemmt zwischen Schultern, Rücken und Ellenbogen. Die ersten Chöre: „Neues Forum zulassen!“, als wäre es bereits eine Größe mit festen Strukturen. Andere riefen „Gorbi, Gorbi!“ Der Perestroika-Vater erschien uns wie ein Schutzheiliger für den Fall, dass bei den Machtträgern die Glühfäden im Gehirn durchbrannten.

Langsam begriffen wir, dass wir uns nicht bewegten, sondern gedrückt, getragen, gehoben wurden und Teil eines ganz anderen Körpers waren, der sich Zentimeter für Zentimeter in Richtung Ritterstraße, Grimmaische Straße wälzte. Aber da ließ die Kraft hinter uns plötzlich nach. Ein kleiner leerer Raum um uns. Eine Luftblase, zum Atmen. In der Grimmaischen stauten wir uns erneut, in eine noch größere Menge hineingepresst, die sich vom Markt zum Karl-Marx-Platz drängte. Staunen, gegenseitiges Anstaunen, dass jeder zu den vielen gehörte. Wir sind das Volk, unkten manche. Das war der erste unerhörte Eindruck. Vielleicht, weil jeder den anderen bislang für einen Opportunisten, Duckmäuser, Feigling, für einen Begrabenen gehalten hatte.

Eine Gruppe mit Kameras, in Kutten, mit Schals und langen Haaren. Ein Filmer rief: „Wir sind von Babelsberg!“ Sie wurden von einigen argwöhnisch beäugt. Die Stadt voller Dissidenten, dachte ich, spontan und friedlich. Hiergebliebene! Ein Mann neben mir reckte sich: sein langer Hals und sein nach hinten gedrehter Kopf. Er versuchte abzuschätzen, wie viele es sein könnten. Sprünge, erstaunte Ausrufe. Bis ich ebenfalls – nach hinten blickend – sprang. Jeder fühlte sich wie berauscht und neu beatmet. Gemeinsam nun in einer einzigartigen, nie dagewesenen Konkretheit. Qualität und Selbstbewusstheit zugleich. Waren es bereits Fünfzigtausend? Hunderttausend?

Gleich würden wir die Goethestraße überqueren, eingekeilt, ohne eigentlich gehen zu können. Überall Menschen. Wenn sie heute nicht eingreifen, dann haben wir gewonnen, dachte ich, kann es am nächsten Montag zu einer noch größeren Demonstration kommen. Doch als Held fühlte sich keiner. Die meisten wunderten sich wohl nur über sich selbst, über ihre Neugier, über die abgeschüttelte Angst und plötzlich aufgekommene Zivilcourage. Sie zeichnete sich als Freude in den Gesichtern ab und würde sich langsam auf die noch Unentschlossenen übertragen. Irgendetwas Neues schien anzufangen, gepaart mit Hunger nach Aktion, das Bedürfnis, sich auf die Straße und nur auf die Straße zu begeben. „Keine Gewalt! Neues Forum zulassen! Erich, laß die Faxen sein, hol die Perestroika rein! Stasi raus! Schließt euch an!“ Zehntausende drückten sich mit einem Mal präziser aus als vierzig Jahre Gesellschaftswissenschaften. Die Theoretiker hatten längst vergessen, dass es jenes Volk noch gab, stets unter Verschluss gehalten in Reagenzglas und Glaskolben, kampagnegeschüttelt, im Labor für Endzeitexperimente.

Wie hatte der Medizinstudent bei meiner Kontaktstunde über die erste größere Demonstration gesagt? „Nirgends einer, der anführte. Jeder ein Anführer durch sein Dabeisein.“ Keiner hatte einen Stein in der Hand. An den Springbrunnen in der Grimmaischen Straße hätte man sich nur zu bücken brauchen. Steine waren so reichlich vorhanden, daß sie etliche Lastwagen hätten füllen können.

Plötzlich, nur wenige Meter von uns entfernt, das erste Transparent. „Jetzt oder nie, Freiheit und Demokratie!“ Sofort sprang ein junger Mann daran hoch und zerrte es herunter. Demonstranten griffen ein, ein Handgemenge. Schließlich konnte es zurückerobert werden, die beiden Träger streckten es mit freudigem Gesicht wieder hoch. Beifall und Jubelschreie. Es bildete sich sogar eine Gasse, durch die der Provokateur, ohne angegriffen zu werden, entschwinden konnte.

Nicht die leisesten Anzeichen von Gewalt. Doch aus den Lautsprechern des Stadtfunks ertönten ständig Mahnungen von Funktionären und Persönlichkeiten, ausgehend vom Krisenstab der SED-Bezirksleitung, um beschwörend und mit indirekten Drohungen von einem Weitergehen abzuraten. Der Vorsitzende der liberalen Blockpartei pries sich in voller Inbrunst an, jederzeit für einen Gedankenaustausch zur Verfügung zu stehen, als hätte er vorher keine Zeit dafür gehabt, keine Gedanken besessen, als wäre er, der stets wie alle anderen Blockfreunde so beredt geschwiegen hatte, nun mutig und aufrichtig geworden und bereit, geeignete Sätze zu produzieren, die hätten beeindrucken können. „Aber nicht auf der Straße!“ lockte er. Der Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur verblüffte mit der simplen Erkenntnis, „dass bei uns vieles in Bewegung geraten ist, und dass es gut ist, dass es in Bewegung geraten ist. (…) Man darf mit seiner Meinung nicht hinterm Berg halten.“ Ins Gespräch wollte auch er kommen.

Der Wahrener Pfarrer Gottfried Schleinitz zitierte die Bibelworte: „Suchet der Stadt Bestes!“ und gab den Demonstranten zu bedenken, ob jenes das Beste sei, was auf der Straße ausgehandelt werden solle. Erneut zitierte er die Bibel: „Suchet Frieden und jaget ihm nach. Wem jagt ihr nach, oder was jagen wir?“ Er nannte den Propheten Jeremia und den Apostel Paulus. Sie waren vor Jahrtausenden ebenso ohnmächtig gewesen wie er in dieser Minute. Eindringlich bat er: „Aber wirklich keinerlei Gewalt. Was uns bleibt, ist die unbewaffnete Hoffnung.“ Pfarrer Schleinitz hat selbst an den Demonstrationen teilgenommen und war über seine Worte, als er sie im Stadtfunk hörte, erschrocken. Stunden zuvor, „von Angst beherrscht, sie war greifbar und begründet“, wie er mir später sagte, hatte er sie aufs Band gesprochen und den Krisenstab in der SED-Bezirksleitung gebeten, sie nur bei äußerster Gefahr zu senden. Die richtigen Worte zur falschen Zeit, am falschen Ort, resümierte er hinterher seine Botschaft.

Ich hatte es auch so empfunden, denn keiner der Demonstranten drohte mit der Faust. Ein jeder war überzeugt davon, sich auf dem richtigen Weg zu befinden. Die ersten Pfiffe dann, als einer der SED-Sekretäre davon sprach, dass viele den in Gang gekommenen Dialog angenommen hätten. Die Pfiffe wurden lauter, als der alte Agitator von Frieden, Freiheit und Demokratie sprach. Mit autoritärem Pathos rief er: „Unsere Partei bekennt sich zu Veränderungen und will sie. Dafür ist die Straße weder Ort noch Mittel, deswegen bitten wir Sie: Gehen Sie besonnen und ruhig auseinander, damit gemeinsames Handeln möglich wird.“ Es klang dennoch wie eine Polizeistimme, auffordernd. Nichts war in den vergangenen Jahren mehr beschworen worden als das „gemeinsame Handeln“. Sie prallten ab, diese Worthülsen, und riefen nur Kopfschütteln hervor.

Wie aus einer Wand tretend, sah ich vereinzelt Jugendliche. Ihre Arme lösten sich vom Körper. Einer winkte. Andere fassten Mut, traten aus der Masse, begannen lachend loszulaufen. Für Sekunden – wie erstarrt sah ich es – stand eine Komposition von sechs, sieben jungen Leuten mitten auf dem Georgiring, direkt vor der Post. Ob diese ihre Schritte in zehn oder 20 Jahren als Denkmal nachgestaltet werden würden: Schritte aus dem Stein? Manche Autofahrer kurbelten das Fenster herunter, lächelten. Ich glaubte zu träumen. Lief wie in den Siebzigern jeweils zum Mai-Ersten mitten auf dem Georgiring. Damals waren noch dreihundert- bis vierhunderttausend Herbeibefohlene an der Ehrentribüne vorbeimarschiert, waren wir alle noch Revolutschonöre. Ikonografie und Spruchbänder für die großen Erfolge. Ich schrieb an meinem Buch „Im Schatten der Kolossalfiguren“: Höfisches Gewinke / zu den Spitzen des Bezirks / treppauf / ordensbeschuppte Militärs / unhörbar klatschend / Phlegma-Gesichter / die gelangweilte Blicke durch Lider filtern / fischäugig über Brillen hinweg.

Jetzt standen an der Stelle, wo einst die Tribüne war, nur zwei Rentnerinnen und ein Rentner mit einem Terrier abgewandt vor dem Deli-Feinkost und schauten verwundert zu den Demonstranten. Beim Erreichen der Fußgängerbrücke, die wir „Blaues Wunder“ nannten, winkten uns Schaulustige zu. „Schließt die Lücke – runter von der Brücke!“ In breiter Front, fast beide Fahrbahnen ausfüllend, schwenkten die Demonstranten ein zum Dittrichring. Nirgends ein Transparent. Eine gespenstische Masse, begierig in Erwartung der Stasi-Zentrale.

„Stasi in die Volkswirtschaft! Pressefreiheit! Reisefreiheit!“ Zwei junge Frauen neben mir jaulten wie Wildkatzen. Ihre Gesichter puterrot, ihre Stirnadern geschwollen. Es war nicht mehr die Entspanntheit der Physiognomien wie noch vor wenigen Minuten auf dem Georgiring, am Hauptbahnhof oder unter dem „Blauen Wunder“. Hier, an der „Runden Ecke“, kam in alle Gesichter eine andere Dynamik, entlud sich eine Energie, die in dieser Heftigkeit und Stärke keiner erwartet hätte. Eine Rollstuhlfahrerin drohte mit der Faust und blies ständig ihre Trillerpfeife. Wir klatschten ihr entgegen. Sie rief: „Ich bin sechsundsiebzig und laufe noch wie geschmiert!“

Das Pfeifkonzert wurde schriller. Ich schloss die Augen. Meine Schultern brannten. Dann wieder die vielen Gesichter. Nirgends ein Mund, den nicht die Bitterkeit eines Fluches bewegte. Schreie aus der Tiefe des Bauches, verzerrte Gesichter. In diesem Moment wusste ich, dass sich das unheimliche Haus, vor dem wir standen, das Bollwerk der Gewalt, von diesem Orkan der Wut und des Hasses nicht mehr erholen würde. Obwohl es fest und uneinnehmbar im Dunkeln stand, ohne Licht in den Fenstern. Doch wer ahnte nicht, dass sich hinter diesen Mauern dienstbare Ohren befanden. Sie würden den Protest bis nach Wandlitz weiterleiten, in geheime Zimmer, vollgestopft mit Elektronik.

Jetzt werden sie in ihren allwissenden Kollektiven sitzen und zittern, dachte ich, so als würde ein Meteorit aus der grenzenlosen Weite des Himmels langsam und unabwendbar auf sie zu rasen. Sie werden ihre hermetische Welt nicht mehr verstehen, ihre Weltanschauung, in der sie gefangen leben, ohne wirklich ihr eigenes Land zu erkennen. Nester von Kerzen. Ihre Flammen mahnten zur Besonnenheit. Das Neue Forum hatte eine Menschenkette vor dem Haupteingang dieser Bezirksbehörde gebildet. Einige Personen, die ich kannte, hatten dort ihre Familienangehörigen an die Hand gefasst. Riefen besänftigend den in Hitze gekommenen Gesichtern entgegen: „Geht weiter!“ Wer fühlte nicht, dass in dieser Erregung alle Hemmungen überwunden waren. Heute weiß ich, wie richtig das Neue Forum damals gehandelt hat, als es das Gebäude schützte. Denn für die Objektverteidigung hatte es klare Befehle gegeben. „Wenn Mitarbeiter angegriffen worden wären, ich weiß nicht, wie ich mich entschieden hätte“, sagte später der Leiter der Bezirksverwaltung, Generalleutnant Manfred Hummitzsch, in einem Interview.

Im Hintergrund, auf der rechten Seite des Gebäudes, nur eine kleine Berufsriege von Bewachern in Drillichzeug. Ohne Helme, Visier und Nackenschutz. Ohne „Bunanudeln und RW“ (Reizwurfkörper). Ohne Pistolen und Hunde. Ohne Schützenpanzer. Ohne Stahlkolosse mit Räumpflügen. Ohne MP mit je sechzig Schuss Munition, wie sie noch wenige Tage zuvor zu sehen gewesen waren. Diese Riege wirkte harmlos, schüchtern. „Zieht Euch um!“ Die MfS-Soldaten sahen uns an, lächelten, als wollten sie sagen: Seht, wir sind nicht mehr bewaffnet. Sind schon halb umgezogen. Stehen nur noch da.

Unsere Lungen waren erschöpft. Mit unverbrauchter Energie und Frische tobte der Orkan hinter uns weiter, ungebrochen grell, elementar. Sylvia und ich waren am neuen Gebäude des Datenzentrums vorbeigelaufen. Kein Licht in den schmalen Fensterschlitzen. Was wird mein Etagennachbar, Professor für Bauwesen, jetzt denken und tun, kam es mir in den Sinn, der Direktor dieses Hauses. Wird er sich noch im Gebäude befinden, in erhöhter Alarmbereitschaft? Aus dem Dunkeln herunterblicken auf das konterrevolutionäre Treiben? Einige Wochen später fragte ich ihn im Hausflur danach, und er bestätigte mir, dass er tatsächlich dort gewesen sei. Unbegreiflich für ihn, dass sein „Rad der Geschichte“ plötzlich Achsenbruch hatte.

Vor der Thomaskirche vereinzelte Polizisten. Demonstranten diskutierten mit ihnen. Wir kommen wieder! Ja, das werden wir, sagte ich. Sylvia verabschiedete sich von mir. Sie hatte ihren Trabant am Hauptbahnhof abgestellt. Mein Auto stand am Dimitroff-Museum. Nur wenige Fahrzeuge begegneten mir auf der Heimfahrt. Als ich kurz nach 21 Uhr zu Hause war, rief ein Korrespondent aus Amsterdam an. Er fragte, ob ich auch schwarz-rot-goldene Fahnen gesehen hätte. Ich war perplex und erzählte, dass nach Meinungsfreiheit und nach Demokratie gerufen worden sei. Er wollte sich wieder melden.

Am nächsten Tag Empörung in fast allen Zeitungen. Aufgrund der Demonstration sei der Verkehr zusammengebrochen. Trotz der Aufrufe von Leipziger Persönlichkeiten habe sich wieder ein Zug formiert. Transparente seien aufgetaucht: Dialog statt Gewalt! Mehr tun für die Umwelt! Transparente hatte ich nicht gesehen. Die „Volkszeitung“ schimpfte, dass Demonstranten immer wieder Abkürzungen durch Grünanlagen suchten. Als ungereimt empfand sie auch, dass manche Berufsverbot für einen Kommentator des DDR-Fernsehens gefordert hätten. Gemeint war Karl-Eduard von Schnitzler. Die „Volkszeitung“ konnte nicht fassen, daß viele Bürger, die sie als ihr Volk interviewen wollte, nicht bereit waren, etwas zu sagen, als sie bemerkten, dass es Reporter eben jenes Blattes waren.

Wie falsch war auch die Berichterstattung über die Situation vor der Stasi-Zentrale: Volkspolizisten, die den nahe gelegenen Gebäudekomplex der Behörde der Deutschen Volkspolizei sichern, schlägt ein gellendes Pfeifkonzert entgegen. Erst in einem hinteren Komplex, im Barfußgässchen, befand sich der Eingang der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei. Warum sollte ausgerechnet sie mit Pfiffen und Buh-Rufen belagert worden sein? Zuletzt das Lamento, dass zweieinhalb Stunden keine Straßenbahnen über den Ring hatten fahren können. Die Zeitung ließ sogar den Technischen Direktor der Verkehrsbetriebe sprechen. 320 Fahrten waren ausgefallen. Tausende – vor allem Mitarbeiter von Handels- und Dienstleistungseinrichtungen – hätten vergeblich auf ihre Bahn gewartet. Aber an den Haltestellen war niemand zu sehen gewesen. Alle waren demonstrieren.

Im Radio forderte plötzlich sogar das Politbüro eine umfassende Volksaussprache, „um das weitere Gedeihen des sozialistischen Vaterlandes zu gewährleisten“. Als sei der bisherige Sozialismus attraktiv und bedürfe noch einer Steigerung, während sich seine Repräsentanten in eine hoffnungslose Sackgasse manövriert hatten. Und die Greise riefen: „Dialog ist unsere Politik!“ Hatte es je einen Dialog gegeben mit den Ureinwohnern von Wandlitz? Auch die SED-Bezirksleitung sagte jetzt, dass ein „offenherziges und vertrauensvolles Aufeinanderzugehen“ unerlässlich sei, davon habe sie sich auch am letzten Montag leiten lassen. Gemeint war die Erklärung vom 9. Oktober im Leipziger Stadtfunk, die jedoch in fünf Sätzen nur das wiedergab, was Menschenrechts-, Friedens- und Umweltgruppen, das Neue Forum, die vielen Pfarrer der Stadt und Landesbischof Hempel stets forderten: „Keine Gewalt! Besonnenheit, friedliches Sprechen.“ Nur wurde ihnen die Öffentlichkeit verweigert.

Umso verwirrter und unsicherer war die örtliche Bezirksbehörde des Ministeriums für Staatssicherheit, wie sich später erwies. Ihr Leiter verstand nicht, „warum nicht einer von den drei beteiligten Herren der SED-Bezirksleitung den allgewaltigen und gefürchteten Stasi-Chef angerufen und gesagt hat: Mach alles, damit es nicht zur Konfrontation kommt. Es lag doch mit in meiner Hand, was gemacht wurde. Ich hätte doch diese riesige Last der Verantwortung mittragen müssen, wenn ein Demonstrant oder einer von den MFS- und VP-Leuten die Nerven verloren hätte.“ Zumindest hatte der General seinen Leuten verboten, Waffen zu tragen, und zwar „gegen die Dienstvorschriften des Ministers“.

Erst durch den Druck der Straße und durch neue Anweisungen der Parteileitungen probierten viele Genossen und Professoren erstmalig den öffentlichen Dialog als neue soziale Verhaltensform, den zwei Generationen in ihren Lebenserfahrungen, aber auch in ihren Verhaltensmotiven nicht gekannt hatten. Tatsächlich schien es, als gestatte die Situation ihnen für Sekunden eine historische Erfrischung, eine persönliche Belebung. Wie schön klangen nun ihre Sätze, als sie feststellten, eine Presse zu benötigen, in der das Volk mit seinen Erfahrungen zu Worte käme. Auch die SED-Bezirksleitung sprach mit den Leipzigern, als seien es ihre vertrautesten Freunde. Geduld und Beharrlichkeit forderten sie plötzlich und ein gütliches Aufeinanderzugehen. Herrschte auch nicht immer Einigkeit in den Wegen, so doch im Ziel der Gespräche: Wie gestalten wir für uns eine attraktive sozialistische DDR, der keiner mehr den Rücken kehrt?

Dennoch distanzierten sie sich immer heftiger von denjenigen, die nun begannen, um den Kern dieser Stadt zu laufen. Auf den Ring gingen die Verführten, in die Hörsäle und Foren strömten die ehrlich Gesonnenen, die Intelligenteren. Ich hielt mir fast die Ohren zu, so diskussionsfreudig waren auf einmal die jahrzehntelangen Schweiger der SED, CDU, LDPD, NDPD. Sie spannten all ihre Künstler und andere Persönlichkeiten ein, um sich an die Spitze der Bewegung zu befördern und Dialoghäuser zu schaffen. Dialog war in wenigen Tagen zu einem Schlagwort geworden. Es klang schon wieder wie eine Kampagne: sich verpflichtet zu fühlen, sich stets verpflichtet zu fühlen zu dem, was alle für ihre Pflicht hielten. Wie sollten wir diesem zunehmenden Willen zum Gespräch Glauben schenken, für Besseres zu streiten, wenn die Forderungen des Neues Forums weiterhin verschwiegen wurden? Es war nicht zugelassen und wurde ständig bedroht. Am 19. Oktober, bei einer Diskussion in der Moritzbastei mit 1500 Teilnehmern, erhob sich aus einem heftigen Disput die Forderung nach Zulassung des Neuen Forums. Doch ihre Vertreter wurden nicht in das Präsidium gelassen, weil Roland Wötzel, Bezirkssekretär der SED, sich nicht mit einer „staatsfeindlichen Organisation“ an einen Tisch setzen wollte. Hatte er sich nicht am 9. Oktober in dem gemeinsamen Aufruf für Dialog ausgesprochen? Was war davon übriggeblieben?

Das Neue Forum wird bald zugelassen, sagte mir Wolfgang E. Schütte, ein Schriftstellerkollege. Wir trafen uns zufällig vor der Hinrichschen Buchhandlung in der Mädlerpassage. Aber nur als Partei, fügte er hinzu. Als Partei verstehen wir uns weniger, sagte ich. Mehr als Bewegung bewegter Bürger mit Zivilcourage. Gewiss nicht als Ergänzung zum Blockflötenspiel in der Nationalen Front. Das war doch 1949. Ein Anachronismus. Ich lachte ihn an und sah ein unergründliches Funkeln der vergrößerten Augen hinter seiner eloxierten Brille.

Zu Hause erreichte mich der Anruf eines weiteren Kollegen, Mitglied der LDPD. Seine plötzliche Freundlichkeit kam mir vor wie Geschmuse. Er wolle mich demnächst besuchen und doch noch den „Aufruf unterschreiben“. Ob Bürgerbewegung oder Partei. Eine neue Fahne, regenbogenfarben, war das Neue Forum allemal. Sie war ein Flattern zwischen Empörung und Mut.


Lieder der Friedlichen Revolution

14. Okt 2009

Natürlich gibt es wie zu jedem Weltereignis auch zur Friedlichen Revolution und der Wiedervereinigung den passenden, offiziellen Soundtrack. Diese drei Songs haben diese hochemotionale Zeit geprägt und sich in unser Gedächtnis eingebrannt.

Freiheit von Marius Müller-Westernhagen

Loooking for freedom von David Hasselhoff

Wind of Change von den Scorpions