Grenzgänger-Tour Tag 1

25. Nov 2009

20 Jahre nach dem Wunder der Friedlichen Revolution mache ich mich mit zwei Freunden auf, diesen Teil unserer Deutschen Geschichte für mich zu entdecken. Gerade in diesen Tagen wird an dieses Ereignis in vielen Veranstaltungen gedacht, unzählige Bücher überschwemmen den Markt und es vergeht kein Tag, da dem Fernsehzuschauer eine Dokumentation über das Leben in der DDR und die Chronologie der damaligen Ereignisse präsentiert bekommt. Ich will mir nun mein eigenes Bild machen – von der Grenze und dem Wunder des Mauerfalls. Und ich will Gott danken, dass er seine Hand im Spiel hatte und will beten, dass er auch weiterhin Frieden schenkt und gnädig mit unserem Land souverän ist.

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(Wandbemalung in Leipzig)

Wo sollte man anders starten als in Leipzig. Leipzig gilt wie keine zweite Stadt für die Brutstätte des friedlichen Widerstands. Schon seit Jahren trafen sich dort Menschen, um zu beten. Später gingen sie dann auch auf die Straße und verstärkten so ihren Protest. Mir ist bewusst, dass es in vielen Städten und Dörfer unterschiedlichste Formen von Protest gab, die die kreative Kraft der Menschen eindrucksvoll zeigt. Doch Leipzig hängt dieser spezielle Ruf an. Diese Stadt zog die Menschen an, um zu protestieren und sie erlebte wie trotz angespannter Atmosphäre die Waffen schwiegen. Noch immer strahlt von der Nikolaikirche dieser spezielle Lebenswille aus. Die Kirche selbst mit ihrem steinernem Gemäuer lässt kaum erahnen wie fast schon prunkvoll sie von innen ist. Die schwarz gefärbten Steine lassen eher eine rustikale Innenausstattung erwarten. Stattdessen verschnörkelte, bunte Vielfalt an Decken und Wänden. Wirken allgemein viele solcher großen Kirchen auf mich eher leblos und leer, so ist die Nikolaikirche das Gegenteil. Sie lebt und lädt gerade dazu ein sich hinzusetzen und Gott zu suchen. Kinderbilder hängen neben alten Gemälden. Das Kirchencafe befindet sich im Nebenflügel und der Duft von Kuchen und Kaffee erfüllt Teile der Kirche. Etliche Zettel und Aufhänger fordern zum Gebet für aktuelle Anliegen auf. Hier ist Leben und lässt die Kirche nicht als ein rein geschichtlicher Ort verkommen, in dem Touristen ehrfürchtig die architektonische Leistung bestaunen. Hier lässt es sich aushalten und nicht nur dort. Leipzig begeistert mich. Sie hat nicht die Kulturbauten wie Dresden, wirkt aber unglaublich sympathisch. Wir beten an der Nikolaikirche. An diesem historischen Ort fällt uns das leicht. Zuvor schauten wir uns die Dauerausstellung des Zeitgeschichtlichen Forums Leipzig zur zeitgenössischen Geschichte unseres Landes an. Ich kann sie nur jedem empfehlen. Vom Ende des zweiten Weltkriegs wird die Deutsche Geschichte des Ostteils kreativ, anschaulich und multimedial gezeigt. Unzählige Dokumente wie Schriftstücke, Originaltonmitschnitte, Lebensgeschichten, Nachbauten schildern die Ereignisse und machen sie lebendig. Einfach sehr bewegend.

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(Nikolaikirche)

Nachdem wir uns Leipzig noch ein wenig spaziergend erschloßen haben, machen wir uns auf den Weg nach Regnitzlosau. Einen Ort, den ich zuvor auch noch nicht gehört habe, aber der in einer geographisch höchst interessanten Stelle liegt, nämlich im Grenzgebiet von Sachsen –Bayern-Tschechien. Regnitzlosau ist Ausgangspunkt unserer Reise entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. In Bayern gelegen war dieser Ort vom eisernen Vorhang umgeben. Es ist gut im ehemaligen Grenzgebiet sich aufzuhalten. Zu spüren wie sich das Leben ihr heute anfühlt und mit Menschen in Kontakt zu kommen.


Protokoll der Montagsdemo vom 16.10.1989 in Leipzig

15. Okt 2009

Hier der Bericht von Reinhard Bernhof zu Montagsdemonstration vom 16.10.1969 in Leipzig, den ich hier gefunden habe. Der Text ist ein Ausschnitt   aus: 15 Jahre Mauerfall, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 41-42/2004). Ich übernehme ihn hier im Gedenken an die mutigen Demonstranten.

Das zeithistorische Protokoll der Leipziger Montagsdemonstration vom 16. Oktober 1989 schildert folgende Initiative: Zögernde Menschen, die unter großer Gefahr für den demokratischen Wandel werben. Reinhard Bernhof ist Schriftsteller und hat 1988/89 das Neue Forum in Leipzig mitbegründet.

Am 16. Oktober 1989 stand ich nachmittags vor der Nikolaikirche. Sie zu betreten war nicht möglich. Es galt wohl noch immer, was ich später ineinem chiffrierten Fernschreiben der SED-Bezirksleitung Leipzig an Egon Krenz las, nämlich dass vorbeugende Maßnahmen gegen „negativ-feindliche Handlungen von Kräften des politischen Untergrunds im Bereich der Leipziger Innenstadt (Schwerpunkt Nikolaikirche, Thomaskirche und Reformierte Kirche) durch Mitglieder der Partei in Größenordnungen zu ergreifen sind, die das Auftreten konterrevolutionärer und rowdyhafter Elemente ausschließen. Dazu sind am 9. Oktober 1989 – 15.00 Uhr – aus dem Stadtparteiaktiv, dem sozialistischen Jugendverband, der Gewerkschaft 5000 Partei-, FDJ- und Gewerkschaftsmitglieder auf dem Vorplatz der Nikolaikirche zu formieren. Bei diesem Einsatz ist zu sichern, daß mit Öffnung der Nikolaikirche zum ‘Gebet’ sofort 2000 Parteiaktivisten im Innenraum Platz nehmen und der Zugang negativer Kräfte weitgehend eingeschränkt wird. Die Mitglieder der Partei und FDJ, die nicht im Kircheninnern Platz finden, übernehmen den Auftrag, die Formierung negativer Kräfte auf dem Kirchplatz zu verhindern. Es ist eine Reserve von 500 Genossen zu schaffen, die bei beabsichtigten Veranstaltungen in der Thomas- und Reformierten Kirche sofort zum Einsatz kommen kann.“

Ich ging in das gegenüberliegende Fachbuch-Antiquariat, wo ich mich manchmal aufhielt. Über das Pflanzenbuch in meiner Hand hinweg blickte ich immer wieder auf den Kirchplatz. Zu zweit und zu dritt standen einige mit dem Rücken zum Schaufenster, trafen wie zufällig aufeinander, sahen sich verunsichert um. Einzelne Leute strichen über den Vorplatz, kamen wieder zurück. Ein hagerer Mann mit grimmigen Zügen und strenger Entschlossenheit schaute auf die Uhr. Ich blätterte und bewunderte die farbigen Abbildungen eines Ginkgobaumes. In einem Fachbuch der ehemaligen Leipziger Firma Bleichert, die einst Seilbahnen baute, in der DDR hieß sie „TAKRAF Paul Fröhlich“, sah ich mich in einer Gondel zwischen Eisgletschern zur Zugspitze oder zwischen Palmen und Meeresrauschen auf den Zuckerhut fahren.

Als ich erneut nach draußen blickte, sah ich bereits eine Menschenmenge. Jugendliche direkt vor dem Kircheneingang winkten keck einer Kamera entgegen. Auch ich hatte ihr Rotieren auf dem Dach des gegenüberliegenden Pelzzentrums registriert. Gespannt wartete jeder auf das Ende des Friedensgebets. Von westlichen Kameraleuten nicht die geringste Spur. Sie hatten strikte Auflagen, sich außerhalb der Hauptstadt nicht mehr in Richtung „Realexistierendes“ zu begeben.

Langsam verließ ich das Antiquariat. Es waren inzwischen vielleicht ein- oder zweihundert Menschen versammelt, manche von ihnen gewiss jene Beorderten. In wenigen Minuten, aus der Kirche tretend, würden sich die frommen Genossen unter das Volk mischen. Doch wie wollten sie in dem Gewimmel ihre Parteilichkeit beweisen? Ihren Klassenstandpunkt? Den meisten, nahm ich an, waren diese Gedanken nur peinlich, und sie würden eilig weggehen.

Jemand tippte mich von der Seite an. Sylvia Kabus stand neben mir, außer Atem. Von wo war sie gekommen? Ich ging mit ihr zurück ins Antiquariat und besprach das dritte Heft unserer illegalen Literatur-Zeitschrift „Umfeldblätter“. Sie hatte mir die dafür in Frage kommenden neuen Texte von dem Physiker Karl-Peter Dostal, der an der Karl-Marx-Universität lehrte, Aphorismen von Horst Drescher und den Essay „Die maßlose Gesellschaft“ von Winfried Völlger mitgebracht. Völlger, der in Halle lebte, hatte diesen Essay als Diskussionsbeitrag im Mai 1989 anlässlich der Tage der Kinder- und Jugendliteratur, die im Bezirk Leipzig stattfanden, gelesen, und es hatte sich sofort herumgesprochen: Ich warf einen kurzen Blick auf Völlgers Seiten – und sofort hakten sich einige Sätze bei mir ein: „Wo der Handlungsspielraum sich verengt, wo das Meer Freiheit durch immer perfektere Reglementierungen eingeengt wird zur schmalen Fahrrinne, wo also Freiheit verloren geht, verlieren die ethischen Werte ihren Sinn als Navigationsinstrumente, sie büßen ihre soziale Funktion ein. Es kommt zur ethischen Inflation.“

Unmerklich, ich traute meinen Augen kaum, hatte sich der Platz mit Menschen gefüllt, die von der Ritterstraße, Goethestraße, Reichsstraße sternförmig herbeieilten. Da gingen die Türen von St. Nikolai auf. Die ersten strömten heraus, sahen sich verstört um. Schwerfällig aussehende Männer von kleinem Wuchs, ältere Jahrgänge, in Mänteln, mit Aktentasche. Stets ihr sächsischer Akzent, singend und schleppend, in meinen Ohren. Ein bleicher dicker Mann, der mit abwesender Miene vor sich hinstarrte. Das kreisrunde Gesicht von glatter, glänzender Haut. Vielleicht hatte er vorher in irgendeinem Amt, einer Abteilung gearbeitet, war nun benommen. Oder ich täuschte mich und es war der Bischof persönlich?

Sie tauchten unter in der anschwellenden Menge. Unversehens standen wir in einer Drängelei und hatten kaum noch Platz für den kleinsten Schritt. Eingeklemmt zwischen Schultern, Rücken und Ellenbogen. Die ersten Chöre: „Neues Forum zulassen!“, als wäre es bereits eine Größe mit festen Strukturen. Andere riefen „Gorbi, Gorbi!“ Der Perestroika-Vater erschien uns wie ein Schutzheiliger für den Fall, dass bei den Machtträgern die Glühfäden im Gehirn durchbrannten.

Langsam begriffen wir, dass wir uns nicht bewegten, sondern gedrückt, getragen, gehoben wurden und Teil eines ganz anderen Körpers waren, der sich Zentimeter für Zentimeter in Richtung Ritterstraße, Grimmaische Straße wälzte. Aber da ließ die Kraft hinter uns plötzlich nach. Ein kleiner leerer Raum um uns. Eine Luftblase, zum Atmen. In der Grimmaischen stauten wir uns erneut, in eine noch größere Menge hineingepresst, die sich vom Markt zum Karl-Marx-Platz drängte. Staunen, gegenseitiges Anstaunen, dass jeder zu den vielen gehörte. Wir sind das Volk, unkten manche. Das war der erste unerhörte Eindruck. Vielleicht, weil jeder den anderen bislang für einen Opportunisten, Duckmäuser, Feigling, für einen Begrabenen gehalten hatte.

Eine Gruppe mit Kameras, in Kutten, mit Schals und langen Haaren. Ein Filmer rief: „Wir sind von Babelsberg!“ Sie wurden von einigen argwöhnisch beäugt. Die Stadt voller Dissidenten, dachte ich, spontan und friedlich. Hiergebliebene! Ein Mann neben mir reckte sich: sein langer Hals und sein nach hinten gedrehter Kopf. Er versuchte abzuschätzen, wie viele es sein könnten. Sprünge, erstaunte Ausrufe. Bis ich ebenfalls – nach hinten blickend – sprang. Jeder fühlte sich wie berauscht und neu beatmet. Gemeinsam nun in einer einzigartigen, nie dagewesenen Konkretheit. Qualität und Selbstbewusstheit zugleich. Waren es bereits Fünfzigtausend? Hunderttausend?

Gleich würden wir die Goethestraße überqueren, eingekeilt, ohne eigentlich gehen zu können. Überall Menschen. Wenn sie heute nicht eingreifen, dann haben wir gewonnen, dachte ich, kann es am nächsten Montag zu einer noch größeren Demonstration kommen. Doch als Held fühlte sich keiner. Die meisten wunderten sich wohl nur über sich selbst, über ihre Neugier, über die abgeschüttelte Angst und plötzlich aufgekommene Zivilcourage. Sie zeichnete sich als Freude in den Gesichtern ab und würde sich langsam auf die noch Unentschlossenen übertragen. Irgendetwas Neues schien anzufangen, gepaart mit Hunger nach Aktion, das Bedürfnis, sich auf die Straße und nur auf die Straße zu begeben. „Keine Gewalt! Neues Forum zulassen! Erich, laß die Faxen sein, hol die Perestroika rein! Stasi raus! Schließt euch an!“ Zehntausende drückten sich mit einem Mal präziser aus als vierzig Jahre Gesellschaftswissenschaften. Die Theoretiker hatten längst vergessen, dass es jenes Volk noch gab, stets unter Verschluss gehalten in Reagenzglas und Glaskolben, kampagnegeschüttelt, im Labor für Endzeitexperimente.

Wie hatte der Medizinstudent bei meiner Kontaktstunde über die erste größere Demonstration gesagt? „Nirgends einer, der anführte. Jeder ein Anführer durch sein Dabeisein.“ Keiner hatte einen Stein in der Hand. An den Springbrunnen in der Grimmaischen Straße hätte man sich nur zu bücken brauchen. Steine waren so reichlich vorhanden, daß sie etliche Lastwagen hätten füllen können.

Plötzlich, nur wenige Meter von uns entfernt, das erste Transparent. „Jetzt oder nie, Freiheit und Demokratie!“ Sofort sprang ein junger Mann daran hoch und zerrte es herunter. Demonstranten griffen ein, ein Handgemenge. Schließlich konnte es zurückerobert werden, die beiden Träger streckten es mit freudigem Gesicht wieder hoch. Beifall und Jubelschreie. Es bildete sich sogar eine Gasse, durch die der Provokateur, ohne angegriffen zu werden, entschwinden konnte.

Nicht die leisesten Anzeichen von Gewalt. Doch aus den Lautsprechern des Stadtfunks ertönten ständig Mahnungen von Funktionären und Persönlichkeiten, ausgehend vom Krisenstab der SED-Bezirksleitung, um beschwörend und mit indirekten Drohungen von einem Weitergehen abzuraten. Der Vorsitzende der liberalen Blockpartei pries sich in voller Inbrunst an, jederzeit für einen Gedankenaustausch zur Verfügung zu stehen, als hätte er vorher keine Zeit dafür gehabt, keine Gedanken besessen, als wäre er, der stets wie alle anderen Blockfreunde so beredt geschwiegen hatte, nun mutig und aufrichtig geworden und bereit, geeignete Sätze zu produzieren, die hätten beeindrucken können. „Aber nicht auf der Straße!“ lockte er. Der Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur verblüffte mit der simplen Erkenntnis, „dass bei uns vieles in Bewegung geraten ist, und dass es gut ist, dass es in Bewegung geraten ist. (…) Man darf mit seiner Meinung nicht hinterm Berg halten.“ Ins Gespräch wollte auch er kommen.

Der Wahrener Pfarrer Gottfried Schleinitz zitierte die Bibelworte: „Suchet der Stadt Bestes!“ und gab den Demonstranten zu bedenken, ob jenes das Beste sei, was auf der Straße ausgehandelt werden solle. Erneut zitierte er die Bibel: „Suchet Frieden und jaget ihm nach. Wem jagt ihr nach, oder was jagen wir?“ Er nannte den Propheten Jeremia und den Apostel Paulus. Sie waren vor Jahrtausenden ebenso ohnmächtig gewesen wie er in dieser Minute. Eindringlich bat er: „Aber wirklich keinerlei Gewalt. Was uns bleibt, ist die unbewaffnete Hoffnung.“ Pfarrer Schleinitz hat selbst an den Demonstrationen teilgenommen und war über seine Worte, als er sie im Stadtfunk hörte, erschrocken. Stunden zuvor, „von Angst beherrscht, sie war greifbar und begründet“, wie er mir später sagte, hatte er sie aufs Band gesprochen und den Krisenstab in der SED-Bezirksleitung gebeten, sie nur bei äußerster Gefahr zu senden. Die richtigen Worte zur falschen Zeit, am falschen Ort, resümierte er hinterher seine Botschaft.

Ich hatte es auch so empfunden, denn keiner der Demonstranten drohte mit der Faust. Ein jeder war überzeugt davon, sich auf dem richtigen Weg zu befinden. Die ersten Pfiffe dann, als einer der SED-Sekretäre davon sprach, dass viele den in Gang gekommenen Dialog angenommen hätten. Die Pfiffe wurden lauter, als der alte Agitator von Frieden, Freiheit und Demokratie sprach. Mit autoritärem Pathos rief er: „Unsere Partei bekennt sich zu Veränderungen und will sie. Dafür ist die Straße weder Ort noch Mittel, deswegen bitten wir Sie: Gehen Sie besonnen und ruhig auseinander, damit gemeinsames Handeln möglich wird.“ Es klang dennoch wie eine Polizeistimme, auffordernd. Nichts war in den vergangenen Jahren mehr beschworen worden als das „gemeinsame Handeln“. Sie prallten ab, diese Worthülsen, und riefen nur Kopfschütteln hervor.

Wie aus einer Wand tretend, sah ich vereinzelt Jugendliche. Ihre Arme lösten sich vom Körper. Einer winkte. Andere fassten Mut, traten aus der Masse, begannen lachend loszulaufen. Für Sekunden – wie erstarrt sah ich es – stand eine Komposition von sechs, sieben jungen Leuten mitten auf dem Georgiring, direkt vor der Post. Ob diese ihre Schritte in zehn oder 20 Jahren als Denkmal nachgestaltet werden würden: Schritte aus dem Stein? Manche Autofahrer kurbelten das Fenster herunter, lächelten. Ich glaubte zu träumen. Lief wie in den Siebzigern jeweils zum Mai-Ersten mitten auf dem Georgiring. Damals waren noch dreihundert- bis vierhunderttausend Herbeibefohlene an der Ehrentribüne vorbeimarschiert, waren wir alle noch Revolutschonöre. Ikonografie und Spruchbänder für die großen Erfolge. Ich schrieb an meinem Buch „Im Schatten der Kolossalfiguren“: Höfisches Gewinke / zu den Spitzen des Bezirks / treppauf / ordensbeschuppte Militärs / unhörbar klatschend / Phlegma-Gesichter / die gelangweilte Blicke durch Lider filtern / fischäugig über Brillen hinweg.

Jetzt standen an der Stelle, wo einst die Tribüne war, nur zwei Rentnerinnen und ein Rentner mit einem Terrier abgewandt vor dem Deli-Feinkost und schauten verwundert zu den Demonstranten. Beim Erreichen der Fußgängerbrücke, die wir „Blaues Wunder“ nannten, winkten uns Schaulustige zu. „Schließt die Lücke – runter von der Brücke!“ In breiter Front, fast beide Fahrbahnen ausfüllend, schwenkten die Demonstranten ein zum Dittrichring. Nirgends ein Transparent. Eine gespenstische Masse, begierig in Erwartung der Stasi-Zentrale.

„Stasi in die Volkswirtschaft! Pressefreiheit! Reisefreiheit!“ Zwei junge Frauen neben mir jaulten wie Wildkatzen. Ihre Gesichter puterrot, ihre Stirnadern geschwollen. Es war nicht mehr die Entspanntheit der Physiognomien wie noch vor wenigen Minuten auf dem Georgiring, am Hauptbahnhof oder unter dem „Blauen Wunder“. Hier, an der „Runden Ecke“, kam in alle Gesichter eine andere Dynamik, entlud sich eine Energie, die in dieser Heftigkeit und Stärke keiner erwartet hätte. Eine Rollstuhlfahrerin drohte mit der Faust und blies ständig ihre Trillerpfeife. Wir klatschten ihr entgegen. Sie rief: „Ich bin sechsundsiebzig und laufe noch wie geschmiert!“

Das Pfeifkonzert wurde schriller. Ich schloss die Augen. Meine Schultern brannten. Dann wieder die vielen Gesichter. Nirgends ein Mund, den nicht die Bitterkeit eines Fluches bewegte. Schreie aus der Tiefe des Bauches, verzerrte Gesichter. In diesem Moment wusste ich, dass sich das unheimliche Haus, vor dem wir standen, das Bollwerk der Gewalt, von diesem Orkan der Wut und des Hasses nicht mehr erholen würde. Obwohl es fest und uneinnehmbar im Dunkeln stand, ohne Licht in den Fenstern. Doch wer ahnte nicht, dass sich hinter diesen Mauern dienstbare Ohren befanden. Sie würden den Protest bis nach Wandlitz weiterleiten, in geheime Zimmer, vollgestopft mit Elektronik.

Jetzt werden sie in ihren allwissenden Kollektiven sitzen und zittern, dachte ich, so als würde ein Meteorit aus der grenzenlosen Weite des Himmels langsam und unabwendbar auf sie zu rasen. Sie werden ihre hermetische Welt nicht mehr verstehen, ihre Weltanschauung, in der sie gefangen leben, ohne wirklich ihr eigenes Land zu erkennen. Nester von Kerzen. Ihre Flammen mahnten zur Besonnenheit. Das Neue Forum hatte eine Menschenkette vor dem Haupteingang dieser Bezirksbehörde gebildet. Einige Personen, die ich kannte, hatten dort ihre Familienangehörigen an die Hand gefasst. Riefen besänftigend den in Hitze gekommenen Gesichtern entgegen: „Geht weiter!“ Wer fühlte nicht, dass in dieser Erregung alle Hemmungen überwunden waren. Heute weiß ich, wie richtig das Neue Forum damals gehandelt hat, als es das Gebäude schützte. Denn für die Objektverteidigung hatte es klare Befehle gegeben. „Wenn Mitarbeiter angegriffen worden wären, ich weiß nicht, wie ich mich entschieden hätte“, sagte später der Leiter der Bezirksverwaltung, Generalleutnant Manfred Hummitzsch, in einem Interview.

Im Hintergrund, auf der rechten Seite des Gebäudes, nur eine kleine Berufsriege von Bewachern in Drillichzeug. Ohne Helme, Visier und Nackenschutz. Ohne „Bunanudeln und RW“ (Reizwurfkörper). Ohne Pistolen und Hunde. Ohne Schützenpanzer. Ohne Stahlkolosse mit Räumpflügen. Ohne MP mit je sechzig Schuss Munition, wie sie noch wenige Tage zuvor zu sehen gewesen waren. Diese Riege wirkte harmlos, schüchtern. „Zieht Euch um!“ Die MfS-Soldaten sahen uns an, lächelten, als wollten sie sagen: Seht, wir sind nicht mehr bewaffnet. Sind schon halb umgezogen. Stehen nur noch da.

Unsere Lungen waren erschöpft. Mit unverbrauchter Energie und Frische tobte der Orkan hinter uns weiter, ungebrochen grell, elementar. Sylvia und ich waren am neuen Gebäude des Datenzentrums vorbeigelaufen. Kein Licht in den schmalen Fensterschlitzen. Was wird mein Etagennachbar, Professor für Bauwesen, jetzt denken und tun, kam es mir in den Sinn, der Direktor dieses Hauses. Wird er sich noch im Gebäude befinden, in erhöhter Alarmbereitschaft? Aus dem Dunkeln herunterblicken auf das konterrevolutionäre Treiben? Einige Wochen später fragte ich ihn im Hausflur danach, und er bestätigte mir, dass er tatsächlich dort gewesen sei. Unbegreiflich für ihn, dass sein „Rad der Geschichte“ plötzlich Achsenbruch hatte.

Vor der Thomaskirche vereinzelte Polizisten. Demonstranten diskutierten mit ihnen. Wir kommen wieder! Ja, das werden wir, sagte ich. Sylvia verabschiedete sich von mir. Sie hatte ihren Trabant am Hauptbahnhof abgestellt. Mein Auto stand am Dimitroff-Museum. Nur wenige Fahrzeuge begegneten mir auf der Heimfahrt. Als ich kurz nach 21 Uhr zu Hause war, rief ein Korrespondent aus Amsterdam an. Er fragte, ob ich auch schwarz-rot-goldene Fahnen gesehen hätte. Ich war perplex und erzählte, dass nach Meinungsfreiheit und nach Demokratie gerufen worden sei. Er wollte sich wieder melden.

Am nächsten Tag Empörung in fast allen Zeitungen. Aufgrund der Demonstration sei der Verkehr zusammengebrochen. Trotz der Aufrufe von Leipziger Persönlichkeiten habe sich wieder ein Zug formiert. Transparente seien aufgetaucht: Dialog statt Gewalt! Mehr tun für die Umwelt! Transparente hatte ich nicht gesehen. Die „Volkszeitung“ schimpfte, dass Demonstranten immer wieder Abkürzungen durch Grünanlagen suchten. Als ungereimt empfand sie auch, dass manche Berufsverbot für einen Kommentator des DDR-Fernsehens gefordert hätten. Gemeint war Karl-Eduard von Schnitzler. Die „Volkszeitung“ konnte nicht fassen, daß viele Bürger, die sie als ihr Volk interviewen wollte, nicht bereit waren, etwas zu sagen, als sie bemerkten, dass es Reporter eben jenes Blattes waren.

Wie falsch war auch die Berichterstattung über die Situation vor der Stasi-Zentrale: Volkspolizisten, die den nahe gelegenen Gebäudekomplex der Behörde der Deutschen Volkspolizei sichern, schlägt ein gellendes Pfeifkonzert entgegen. Erst in einem hinteren Komplex, im Barfußgässchen, befand sich der Eingang der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei. Warum sollte ausgerechnet sie mit Pfiffen und Buh-Rufen belagert worden sein? Zuletzt das Lamento, dass zweieinhalb Stunden keine Straßenbahnen über den Ring hatten fahren können. Die Zeitung ließ sogar den Technischen Direktor der Verkehrsbetriebe sprechen. 320 Fahrten waren ausgefallen. Tausende – vor allem Mitarbeiter von Handels- und Dienstleistungseinrichtungen – hätten vergeblich auf ihre Bahn gewartet. Aber an den Haltestellen war niemand zu sehen gewesen. Alle waren demonstrieren.

Im Radio forderte plötzlich sogar das Politbüro eine umfassende Volksaussprache, „um das weitere Gedeihen des sozialistischen Vaterlandes zu gewährleisten“. Als sei der bisherige Sozialismus attraktiv und bedürfe noch einer Steigerung, während sich seine Repräsentanten in eine hoffnungslose Sackgasse manövriert hatten. Und die Greise riefen: „Dialog ist unsere Politik!“ Hatte es je einen Dialog gegeben mit den Ureinwohnern von Wandlitz? Auch die SED-Bezirksleitung sagte jetzt, dass ein „offenherziges und vertrauensvolles Aufeinanderzugehen“ unerlässlich sei, davon habe sie sich auch am letzten Montag leiten lassen. Gemeint war die Erklärung vom 9. Oktober im Leipziger Stadtfunk, die jedoch in fünf Sätzen nur das wiedergab, was Menschenrechts-, Friedens- und Umweltgruppen, das Neue Forum, die vielen Pfarrer der Stadt und Landesbischof Hempel stets forderten: „Keine Gewalt! Besonnenheit, friedliches Sprechen.“ Nur wurde ihnen die Öffentlichkeit verweigert.

Umso verwirrter und unsicherer war die örtliche Bezirksbehörde des Ministeriums für Staatssicherheit, wie sich später erwies. Ihr Leiter verstand nicht, „warum nicht einer von den drei beteiligten Herren der SED-Bezirksleitung den allgewaltigen und gefürchteten Stasi-Chef angerufen und gesagt hat: Mach alles, damit es nicht zur Konfrontation kommt. Es lag doch mit in meiner Hand, was gemacht wurde. Ich hätte doch diese riesige Last der Verantwortung mittragen müssen, wenn ein Demonstrant oder einer von den MFS- und VP-Leuten die Nerven verloren hätte.“ Zumindest hatte der General seinen Leuten verboten, Waffen zu tragen, und zwar „gegen die Dienstvorschriften des Ministers“.

Erst durch den Druck der Straße und durch neue Anweisungen der Parteileitungen probierten viele Genossen und Professoren erstmalig den öffentlichen Dialog als neue soziale Verhaltensform, den zwei Generationen in ihren Lebenserfahrungen, aber auch in ihren Verhaltensmotiven nicht gekannt hatten. Tatsächlich schien es, als gestatte die Situation ihnen für Sekunden eine historische Erfrischung, eine persönliche Belebung. Wie schön klangen nun ihre Sätze, als sie feststellten, eine Presse zu benötigen, in der das Volk mit seinen Erfahrungen zu Worte käme. Auch die SED-Bezirksleitung sprach mit den Leipzigern, als seien es ihre vertrautesten Freunde. Geduld und Beharrlichkeit forderten sie plötzlich und ein gütliches Aufeinanderzugehen. Herrschte auch nicht immer Einigkeit in den Wegen, so doch im Ziel der Gespräche: Wie gestalten wir für uns eine attraktive sozialistische DDR, der keiner mehr den Rücken kehrt?

Dennoch distanzierten sie sich immer heftiger von denjenigen, die nun begannen, um den Kern dieser Stadt zu laufen. Auf den Ring gingen die Verführten, in die Hörsäle und Foren strömten die ehrlich Gesonnenen, die Intelligenteren. Ich hielt mir fast die Ohren zu, so diskussionsfreudig waren auf einmal die jahrzehntelangen Schweiger der SED, CDU, LDPD, NDPD. Sie spannten all ihre Künstler und andere Persönlichkeiten ein, um sich an die Spitze der Bewegung zu befördern und Dialoghäuser zu schaffen. Dialog war in wenigen Tagen zu einem Schlagwort geworden. Es klang schon wieder wie eine Kampagne: sich verpflichtet zu fühlen, sich stets verpflichtet zu fühlen zu dem, was alle für ihre Pflicht hielten. Wie sollten wir diesem zunehmenden Willen zum Gespräch Glauben schenken, für Besseres zu streiten, wenn die Forderungen des Neues Forums weiterhin verschwiegen wurden? Es war nicht zugelassen und wurde ständig bedroht. Am 19. Oktober, bei einer Diskussion in der Moritzbastei mit 1500 Teilnehmern, erhob sich aus einem heftigen Disput die Forderung nach Zulassung des Neuen Forums. Doch ihre Vertreter wurden nicht in das Präsidium gelassen, weil Roland Wötzel, Bezirkssekretär der SED, sich nicht mit einer „staatsfeindlichen Organisation“ an einen Tisch setzen wollte. Hatte er sich nicht am 9. Oktober in dem gemeinsamen Aufruf für Dialog ausgesprochen? Was war davon übriggeblieben?

Das Neue Forum wird bald zugelassen, sagte mir Wolfgang E. Schütte, ein Schriftstellerkollege. Wir trafen uns zufällig vor der Hinrichschen Buchhandlung in der Mädlerpassage. Aber nur als Partei, fügte er hinzu. Als Partei verstehen wir uns weniger, sagte ich. Mehr als Bewegung bewegter Bürger mit Zivilcourage. Gewiss nicht als Ergänzung zum Blockflötenspiel in der Nationalen Front. Das war doch 1949. Ein Anachronismus. Ich lachte ihn an und sah ein unergründliches Funkeln der vergrößerten Augen hinter seiner eloxierten Brille.

Zu Hause erreichte mich der Anruf eines weiteren Kollegen, Mitglied der LDPD. Seine plötzliche Freundlichkeit kam mir vor wie Geschmuse. Er wolle mich demnächst besuchen und doch noch den „Aufruf unterschreiben“. Ob Bürgerbewegung oder Partei. Eine neue Fahne, regenbogenfarben, war das Neue Forum allemal. Sie war ein Flattern zwischen Empörung und Mut.


Zur Bedeutung der Wende

30. Sep 2009

Gestern erschien ein Interview mit mit dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler im Meininger Tageblatt. Hier ein paar Auszüge daraus zum Nachdenken:

„Das Jahr 1989 hat sich nicht als große sinnstiftende Erzählung durchsetzen können, sondern wird überlagert von der Erzählung der diplomatischen Erfolge auf dem Weg zur Wiederherstellung der deutschen Einheit.“

Der 3. Oktober ist „eher das Datum für eine Selbstfeier der westdeutschen politischen Klasse“.

Auf die Frage, warum 1989 nicht bundesweit zu einem großen Bezugspunkt geworden ist, meinte Münkler:

„Ich glaube, drei Faktoren spielen da zusammen. Erstens hatte die westdeutsche politische Klasse, die im Prozess der Wiedervereinigung glänzende diplomatische Leistungen vollbrachte, weder am Oktober 89 noch am 9. November einen Anteil. Zweitens spielte auch die Mehrheit der Bevölkerung eine passive Rolle – jedenfalls der gesamte Westen. Der Herbst 89 wurde hier im Fernsehen verfolgt. Drittens darf man nicht vergessen, dass mit der DDR für Teile der deutschen Bevölkerung ein großes Projekt zusammegebrochen ist. Auch wenn die DDR kaum dem entsprach, wie sich Intellektuelle und andere den Sozialismus vorgestellt haben.“

Als im Westen geborener habe ich natürlich an den Herbst 1989 wohlige Erinnerungen. Ich konnte bequem diesen Umbruch in Ostdeutschland vom Sofa aus verfolgen. Und ich glaube, die Einheit wäre heute in meiner Lebenspraxis relativ bedeutungslos, wäre ich nicht vor 7 Jahren in die ehemaligen Revolutionsgebiete gezogen.

Für mich bleibt die große Frage, wie wir mit dem 3. Oktober umgehen sollen. Gibt es dazu Anregungen, Ideen, Meinungen?


Reisewege – Fluchtwege

25. Jun 2009

WartWeb6Heute über das interessante und gleichzeitig kuriose Projekt von Thüringen-Taxi gelesen.  Ihre Idee:

Von Weimar aus sich 20 Jahre nach dem Mauerfall auf den Weg zu machen, um mit dem „Thüringen-Taxi“ (einem Wartburg) durch Mittel – und Osteuropa zu steuern. Es geht in die Länder, in denen Ostdeutsche vor der Wende hauptsächlich ihren Urlaub verbracht haben, berufliche Kontakte pflegten, aus denen heraus sie aber auch die Flucht wagten. „Reisewege/Fluchtwege“ – 6000 Kilometer, 60 Tage, 6 Länder, 50 PS, 3 Zylinder, 2-Takt-Motor.

Daraus ist ein spannender Bericht entstanden mit interessanten Begegnungen, der Vergangenheit und Gegenwart verbindet.  Hier ist ein Kurzvideo zu sehen.

Außerdem sind auf ihrer Homepage private Urlaubs- und Fluchtberichte und ihr Tourkalender mit Tagebuch.

Ich mag solche Projekte und bin etwas neidisch noch selbst nicht solch eine Tour gemacht zu haben.

An der Bushaltestelle

3. Apr 2008

Nun da ich kein Auto mehr besitze muss ich zeitweilig auf den Bus umsteigen. Normalerweise schnappe ich mir mein Fahrrad und dreh damit meine Runden, doch bei schlechtem Wetter … Man will ja nicht mit nasser Kleidung im Büro sitzen. So gehöre ich nun zur busfahrenden Bevölkerung und erfahre immer mehr wie interessant Busfahren sein kann. Zugegebenermaßen hätte ich das nicht gedacht, doch mit dem Eintreffen an der Bushaltestelle, je nach dem wie spät man dran ist, stellt man sich neben die verschiedensten Personen, man beobachtet sich gegenseitig, schweigt sich an, würdigt den anderen kaum eines Blickes oder lauscht den Gesprächen manch mutiger, die sich trotz Publikum unverfroren unterhalten. Ja, so lerne ich die Leute auch kennen. Neulich wieder gesellte ich mich zu den Wartenden und hörte angeregt, schmunzelnd und kopfschüttelnd der Unterhaltung dreier älterer Damen. Ihr Thema war „Früher“ d.h. das Leben in der DDR und die „böse“ Jugend von heute. Dazu muss ich noch anmerken, dass die Bushaltestelle genau bei einem Discounter mit vier Buchstaben (nun dürft ihr raten) liegt. Zwei der Frauen schleppten jeweils vollgepackte Tüten dieses Geschäfts mit sich herum.

„Oh man die Jugendlichen haben es heute echt schwer!“ „Ja, das ist gar nicht so einfach Arbeit zu finden und mit den Ausbildungsplätzen sieht es auch so schlecht aus. Da ist es ja kein Wunder, dass viele von denen frustriert sind.“ „Die Politiker sollten sich schämen.“ „Aber nun muss ich auch sagen, dass die Jugendlichen echt undankbar geworden sind.“ „Das stimmt, die haben doch eigentlich alles. Die können sich so viel einkaufen.“ „Früher, da haben wir uns gefreut wenn es mal hieß es gibt Nüsse oder Bananen. Da sind wir los, haben uns angestellt und uns riesig gefreut, wenn wir etwas abbekamen.“ „Ja, daran kann ich mich auch noch genau erinnern. Wir waren noch dankbar dafür und die jungen Leute? Jetzt haben sie alles und sind undankbarer als wir.“ „Ja richtig, aber die Zeiten sind auch härter geworden.“

Verwundert stand ich da, als der nahende Bus das Gespräch beendete. Ist die Jugend so schlimm? Hat das Leben in der DDR die Menschen wirklich dankbarer gemacht? Wird hier nicht die DDR glorifiziert? Täte den Jugendlichen die DDR wieder gut? Nein, die Jugend ist nicht so schlimm. Nein, man kann sich seine Welt auch schwerer machen als sie ist. Nein, ich will die DDR nicht wieder. Das was ich größtenteils an noch übriggebliebener DDR sehe, will ich mit Sicherheit nicht. Nein, wir sind ein Volk und gehören zusammen. Wir sollten dankbar sein für die Wiedervereinigung und zwar auf beiden Seiten! Viel zu schnell vergessen wir was sie alles Positives gebracht hat, hüben wie drüben!