Die ehemalige deutsch-deutsche Grenze

30. Okt 2009

Hier eine sehr gute Animation über die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. Sie steht und verdeutlich so viel über den Staat, den es heute Gott sei Dank nicht mehr gibt! Und sie zeigt uns, was vor 20 Jahren gefallen ist: ein menschenverachtendes Monstrum.

Hier eine Karte des Grenzverlaufes in Berlin:

berlin-mauer-karte

Quelle:  http://www.lyc-emile-duclaux.ac-clermont.fr/vie_disc/langues/allemand/pages-internes/pages/arbeitsblatt/arbeitsblatt01-Mauer-Termlv1.htm

Hier eine Karte des Grenzverlauf:

ddr-bez

Quelle: http://personal.georgiasouthern.edu/~hkurz/geo/ddr/ddr-bez.jpg

20080318-Grenzverlauf

Quelle: http://www.ddr-im-www.de/media/2/20080318-Grenzverlauf.gif


Protokoll der Montagsdemo vom 16.10.1989 in Leipzig

15. Okt 2009

Hier der Bericht von Reinhard Bernhof zu Montagsdemonstration vom 16.10.1969 in Leipzig, den ich hier gefunden habe. Der Text ist ein Ausschnitt   aus: 15 Jahre Mauerfall, Aus Politik und Zeitgeschichte (B 41-42/2004). Ich übernehme ihn hier im Gedenken an die mutigen Demonstranten.

Das zeithistorische Protokoll der Leipziger Montagsdemonstration vom 16. Oktober 1989 schildert folgende Initiative: Zögernde Menschen, die unter großer Gefahr für den demokratischen Wandel werben. Reinhard Bernhof ist Schriftsteller und hat 1988/89 das Neue Forum in Leipzig mitbegründet.

Am 16. Oktober 1989 stand ich nachmittags vor der Nikolaikirche. Sie zu betreten war nicht möglich. Es galt wohl noch immer, was ich später ineinem chiffrierten Fernschreiben der SED-Bezirksleitung Leipzig an Egon Krenz las, nämlich dass vorbeugende Maßnahmen gegen „negativ-feindliche Handlungen von Kräften des politischen Untergrunds im Bereich der Leipziger Innenstadt (Schwerpunkt Nikolaikirche, Thomaskirche und Reformierte Kirche) durch Mitglieder der Partei in Größenordnungen zu ergreifen sind, die das Auftreten konterrevolutionärer und rowdyhafter Elemente ausschließen. Dazu sind am 9. Oktober 1989 – 15.00 Uhr – aus dem Stadtparteiaktiv, dem sozialistischen Jugendverband, der Gewerkschaft 5000 Partei-, FDJ- und Gewerkschaftsmitglieder auf dem Vorplatz der Nikolaikirche zu formieren. Bei diesem Einsatz ist zu sichern, daß mit Öffnung der Nikolaikirche zum ‘Gebet’ sofort 2000 Parteiaktivisten im Innenraum Platz nehmen und der Zugang negativer Kräfte weitgehend eingeschränkt wird. Die Mitglieder der Partei und FDJ, die nicht im Kircheninnern Platz finden, übernehmen den Auftrag, die Formierung negativer Kräfte auf dem Kirchplatz zu verhindern. Es ist eine Reserve von 500 Genossen zu schaffen, die bei beabsichtigten Veranstaltungen in der Thomas- und Reformierten Kirche sofort zum Einsatz kommen kann.“

Ich ging in das gegenüberliegende Fachbuch-Antiquariat, wo ich mich manchmal aufhielt. Über das Pflanzenbuch in meiner Hand hinweg blickte ich immer wieder auf den Kirchplatz. Zu zweit und zu dritt standen einige mit dem Rücken zum Schaufenster, trafen wie zufällig aufeinander, sahen sich verunsichert um. Einzelne Leute strichen über den Vorplatz, kamen wieder zurück. Ein hagerer Mann mit grimmigen Zügen und strenger Entschlossenheit schaute auf die Uhr. Ich blätterte und bewunderte die farbigen Abbildungen eines Ginkgobaumes. In einem Fachbuch der ehemaligen Leipziger Firma Bleichert, die einst Seilbahnen baute, in der DDR hieß sie „TAKRAF Paul Fröhlich“, sah ich mich in einer Gondel zwischen Eisgletschern zur Zugspitze oder zwischen Palmen und Meeresrauschen auf den Zuckerhut fahren.

Als ich erneut nach draußen blickte, sah ich bereits eine Menschenmenge. Jugendliche direkt vor dem Kircheneingang winkten keck einer Kamera entgegen. Auch ich hatte ihr Rotieren auf dem Dach des gegenüberliegenden Pelzzentrums registriert. Gespannt wartete jeder auf das Ende des Friedensgebets. Von westlichen Kameraleuten nicht die geringste Spur. Sie hatten strikte Auflagen, sich außerhalb der Hauptstadt nicht mehr in Richtung „Realexistierendes“ zu begeben.

Langsam verließ ich das Antiquariat. Es waren inzwischen vielleicht ein- oder zweihundert Menschen versammelt, manche von ihnen gewiss jene Beorderten. In wenigen Minuten, aus der Kirche tretend, würden sich die frommen Genossen unter das Volk mischen. Doch wie wollten sie in dem Gewimmel ihre Parteilichkeit beweisen? Ihren Klassenstandpunkt? Den meisten, nahm ich an, waren diese Gedanken nur peinlich, und sie würden eilig weggehen.

Jemand tippte mich von der Seite an. Sylvia Kabus stand neben mir, außer Atem. Von wo war sie gekommen? Ich ging mit ihr zurück ins Antiquariat und besprach das dritte Heft unserer illegalen Literatur-Zeitschrift „Umfeldblätter“. Sie hatte mir die dafür in Frage kommenden neuen Texte von dem Physiker Karl-Peter Dostal, der an der Karl-Marx-Universität lehrte, Aphorismen von Horst Drescher und den Essay „Die maßlose Gesellschaft“ von Winfried Völlger mitgebracht. Völlger, der in Halle lebte, hatte diesen Essay als Diskussionsbeitrag im Mai 1989 anlässlich der Tage der Kinder- und Jugendliteratur, die im Bezirk Leipzig stattfanden, gelesen, und es hatte sich sofort herumgesprochen: Ich warf einen kurzen Blick auf Völlgers Seiten – und sofort hakten sich einige Sätze bei mir ein: „Wo der Handlungsspielraum sich verengt, wo das Meer Freiheit durch immer perfektere Reglementierungen eingeengt wird zur schmalen Fahrrinne, wo also Freiheit verloren geht, verlieren die ethischen Werte ihren Sinn als Navigationsinstrumente, sie büßen ihre soziale Funktion ein. Es kommt zur ethischen Inflation.“

Unmerklich, ich traute meinen Augen kaum, hatte sich der Platz mit Menschen gefüllt, die von der Ritterstraße, Goethestraße, Reichsstraße sternförmig herbeieilten. Da gingen die Türen von St. Nikolai auf. Die ersten strömten heraus, sahen sich verstört um. Schwerfällig aussehende Männer von kleinem Wuchs, ältere Jahrgänge, in Mänteln, mit Aktentasche. Stets ihr sächsischer Akzent, singend und schleppend, in meinen Ohren. Ein bleicher dicker Mann, der mit abwesender Miene vor sich hinstarrte. Das kreisrunde Gesicht von glatter, glänzender Haut. Vielleicht hatte er vorher in irgendeinem Amt, einer Abteilung gearbeitet, war nun benommen. Oder ich täuschte mich und es war der Bischof persönlich?

Sie tauchten unter in der anschwellenden Menge. Unversehens standen wir in einer Drängelei und hatten kaum noch Platz für den kleinsten Schritt. Eingeklemmt zwischen Schultern, Rücken und Ellenbogen. Die ersten Chöre: „Neues Forum zulassen!“, als wäre es bereits eine Größe mit festen Strukturen. Andere riefen „Gorbi, Gorbi!“ Der Perestroika-Vater erschien uns wie ein Schutzheiliger für den Fall, dass bei den Machtträgern die Glühfäden im Gehirn durchbrannten.

Langsam begriffen wir, dass wir uns nicht bewegten, sondern gedrückt, getragen, gehoben wurden und Teil eines ganz anderen Körpers waren, der sich Zentimeter für Zentimeter in Richtung Ritterstraße, Grimmaische Straße wälzte. Aber da ließ die Kraft hinter uns plötzlich nach. Ein kleiner leerer Raum um uns. Eine Luftblase, zum Atmen. In der Grimmaischen stauten wir uns erneut, in eine noch größere Menge hineingepresst, die sich vom Markt zum Karl-Marx-Platz drängte. Staunen, gegenseitiges Anstaunen, dass jeder zu den vielen gehörte. Wir sind das Volk, unkten manche. Das war der erste unerhörte Eindruck. Vielleicht, weil jeder den anderen bislang für einen Opportunisten, Duckmäuser, Feigling, für einen Begrabenen gehalten hatte.

Eine Gruppe mit Kameras, in Kutten, mit Schals und langen Haaren. Ein Filmer rief: „Wir sind von Babelsberg!“ Sie wurden von einigen argwöhnisch beäugt. Die Stadt voller Dissidenten, dachte ich, spontan und friedlich. Hiergebliebene! Ein Mann neben mir reckte sich: sein langer Hals und sein nach hinten gedrehter Kopf. Er versuchte abzuschätzen, wie viele es sein könnten. Sprünge, erstaunte Ausrufe. Bis ich ebenfalls – nach hinten blickend – sprang. Jeder fühlte sich wie berauscht und neu beatmet. Gemeinsam nun in einer einzigartigen, nie dagewesenen Konkretheit. Qualität und Selbstbewusstheit zugleich. Waren es bereits Fünfzigtausend? Hunderttausend?

Gleich würden wir die Goethestraße überqueren, eingekeilt, ohne eigentlich gehen zu können. Überall Menschen. Wenn sie heute nicht eingreifen, dann haben wir gewonnen, dachte ich, kann es am nächsten Montag zu einer noch größeren Demonstration kommen. Doch als Held fühlte sich keiner. Die meisten wunderten sich wohl nur über sich selbst, über ihre Neugier, über die abgeschüttelte Angst und plötzlich aufgekommene Zivilcourage. Sie zeichnete sich als Freude in den Gesichtern ab und würde sich langsam auf die noch Unentschlossenen übertragen. Irgendetwas Neues schien anzufangen, gepaart mit Hunger nach Aktion, das Bedürfnis, sich auf die Straße und nur auf die Straße zu begeben. „Keine Gewalt! Neues Forum zulassen! Erich, laß die Faxen sein, hol die Perestroika rein! Stasi raus! Schließt euch an!“ Zehntausende drückten sich mit einem Mal präziser aus als vierzig Jahre Gesellschaftswissenschaften. Die Theoretiker hatten längst vergessen, dass es jenes Volk noch gab, stets unter Verschluss gehalten in Reagenzglas und Glaskolben, kampagnegeschüttelt, im Labor für Endzeitexperimente.

Wie hatte der Medizinstudent bei meiner Kontaktstunde über die erste größere Demonstration gesagt? „Nirgends einer, der anführte. Jeder ein Anführer durch sein Dabeisein.“ Keiner hatte einen Stein in der Hand. An den Springbrunnen in der Grimmaischen Straße hätte man sich nur zu bücken brauchen. Steine waren so reichlich vorhanden, daß sie etliche Lastwagen hätten füllen können.

Plötzlich, nur wenige Meter von uns entfernt, das erste Transparent. „Jetzt oder nie, Freiheit und Demokratie!“ Sofort sprang ein junger Mann daran hoch und zerrte es herunter. Demonstranten griffen ein, ein Handgemenge. Schließlich konnte es zurückerobert werden, die beiden Träger streckten es mit freudigem Gesicht wieder hoch. Beifall und Jubelschreie. Es bildete sich sogar eine Gasse, durch die der Provokateur, ohne angegriffen zu werden, entschwinden konnte.

Nicht die leisesten Anzeichen von Gewalt. Doch aus den Lautsprechern des Stadtfunks ertönten ständig Mahnungen von Funktionären und Persönlichkeiten, ausgehend vom Krisenstab der SED-Bezirksleitung, um beschwörend und mit indirekten Drohungen von einem Weitergehen abzuraten. Der Vorsitzende der liberalen Blockpartei pries sich in voller Inbrunst an, jederzeit für einen Gedankenaustausch zur Verfügung zu stehen, als hätte er vorher keine Zeit dafür gehabt, keine Gedanken besessen, als wäre er, der stets wie alle anderen Blockfreunde so beredt geschwiegen hatte, nun mutig und aufrichtig geworden und bereit, geeignete Sätze zu produzieren, die hätten beeindrucken können. „Aber nicht auf der Straße!“ lockte er. Der Gewandhaus-Kapellmeister Kurt Masur verblüffte mit der simplen Erkenntnis, „dass bei uns vieles in Bewegung geraten ist, und dass es gut ist, dass es in Bewegung geraten ist. (…) Man darf mit seiner Meinung nicht hinterm Berg halten.“ Ins Gespräch wollte auch er kommen.

Der Wahrener Pfarrer Gottfried Schleinitz zitierte die Bibelworte: „Suchet der Stadt Bestes!“ und gab den Demonstranten zu bedenken, ob jenes das Beste sei, was auf der Straße ausgehandelt werden solle. Erneut zitierte er die Bibel: „Suchet Frieden und jaget ihm nach. Wem jagt ihr nach, oder was jagen wir?“ Er nannte den Propheten Jeremia und den Apostel Paulus. Sie waren vor Jahrtausenden ebenso ohnmächtig gewesen wie er in dieser Minute. Eindringlich bat er: „Aber wirklich keinerlei Gewalt. Was uns bleibt, ist die unbewaffnete Hoffnung.“ Pfarrer Schleinitz hat selbst an den Demonstrationen teilgenommen und war über seine Worte, als er sie im Stadtfunk hörte, erschrocken. Stunden zuvor, „von Angst beherrscht, sie war greifbar und begründet“, wie er mir später sagte, hatte er sie aufs Band gesprochen und den Krisenstab in der SED-Bezirksleitung gebeten, sie nur bei äußerster Gefahr zu senden. Die richtigen Worte zur falschen Zeit, am falschen Ort, resümierte er hinterher seine Botschaft.

Ich hatte es auch so empfunden, denn keiner der Demonstranten drohte mit der Faust. Ein jeder war überzeugt davon, sich auf dem richtigen Weg zu befinden. Die ersten Pfiffe dann, als einer der SED-Sekretäre davon sprach, dass viele den in Gang gekommenen Dialog angenommen hätten. Die Pfiffe wurden lauter, als der alte Agitator von Frieden, Freiheit und Demokratie sprach. Mit autoritärem Pathos rief er: „Unsere Partei bekennt sich zu Veränderungen und will sie. Dafür ist die Straße weder Ort noch Mittel, deswegen bitten wir Sie: Gehen Sie besonnen und ruhig auseinander, damit gemeinsames Handeln möglich wird.“ Es klang dennoch wie eine Polizeistimme, auffordernd. Nichts war in den vergangenen Jahren mehr beschworen worden als das „gemeinsame Handeln“. Sie prallten ab, diese Worthülsen, und riefen nur Kopfschütteln hervor.

Wie aus einer Wand tretend, sah ich vereinzelt Jugendliche. Ihre Arme lösten sich vom Körper. Einer winkte. Andere fassten Mut, traten aus der Masse, begannen lachend loszulaufen. Für Sekunden – wie erstarrt sah ich es – stand eine Komposition von sechs, sieben jungen Leuten mitten auf dem Georgiring, direkt vor der Post. Ob diese ihre Schritte in zehn oder 20 Jahren als Denkmal nachgestaltet werden würden: Schritte aus dem Stein? Manche Autofahrer kurbelten das Fenster herunter, lächelten. Ich glaubte zu träumen. Lief wie in den Siebzigern jeweils zum Mai-Ersten mitten auf dem Georgiring. Damals waren noch dreihundert- bis vierhunderttausend Herbeibefohlene an der Ehrentribüne vorbeimarschiert, waren wir alle noch Revolutschonöre. Ikonografie und Spruchbänder für die großen Erfolge. Ich schrieb an meinem Buch „Im Schatten der Kolossalfiguren“: Höfisches Gewinke / zu den Spitzen des Bezirks / treppauf / ordensbeschuppte Militärs / unhörbar klatschend / Phlegma-Gesichter / die gelangweilte Blicke durch Lider filtern / fischäugig über Brillen hinweg.

Jetzt standen an der Stelle, wo einst die Tribüne war, nur zwei Rentnerinnen und ein Rentner mit einem Terrier abgewandt vor dem Deli-Feinkost und schauten verwundert zu den Demonstranten. Beim Erreichen der Fußgängerbrücke, die wir „Blaues Wunder“ nannten, winkten uns Schaulustige zu. „Schließt die Lücke – runter von der Brücke!“ In breiter Front, fast beide Fahrbahnen ausfüllend, schwenkten die Demonstranten ein zum Dittrichring. Nirgends ein Transparent. Eine gespenstische Masse, begierig in Erwartung der Stasi-Zentrale.

„Stasi in die Volkswirtschaft! Pressefreiheit! Reisefreiheit!“ Zwei junge Frauen neben mir jaulten wie Wildkatzen. Ihre Gesichter puterrot, ihre Stirnadern geschwollen. Es war nicht mehr die Entspanntheit der Physiognomien wie noch vor wenigen Minuten auf dem Georgiring, am Hauptbahnhof oder unter dem „Blauen Wunder“. Hier, an der „Runden Ecke“, kam in alle Gesichter eine andere Dynamik, entlud sich eine Energie, die in dieser Heftigkeit und Stärke keiner erwartet hätte. Eine Rollstuhlfahrerin drohte mit der Faust und blies ständig ihre Trillerpfeife. Wir klatschten ihr entgegen. Sie rief: „Ich bin sechsundsiebzig und laufe noch wie geschmiert!“

Das Pfeifkonzert wurde schriller. Ich schloss die Augen. Meine Schultern brannten. Dann wieder die vielen Gesichter. Nirgends ein Mund, den nicht die Bitterkeit eines Fluches bewegte. Schreie aus der Tiefe des Bauches, verzerrte Gesichter. In diesem Moment wusste ich, dass sich das unheimliche Haus, vor dem wir standen, das Bollwerk der Gewalt, von diesem Orkan der Wut und des Hasses nicht mehr erholen würde. Obwohl es fest und uneinnehmbar im Dunkeln stand, ohne Licht in den Fenstern. Doch wer ahnte nicht, dass sich hinter diesen Mauern dienstbare Ohren befanden. Sie würden den Protest bis nach Wandlitz weiterleiten, in geheime Zimmer, vollgestopft mit Elektronik.

Jetzt werden sie in ihren allwissenden Kollektiven sitzen und zittern, dachte ich, so als würde ein Meteorit aus der grenzenlosen Weite des Himmels langsam und unabwendbar auf sie zu rasen. Sie werden ihre hermetische Welt nicht mehr verstehen, ihre Weltanschauung, in der sie gefangen leben, ohne wirklich ihr eigenes Land zu erkennen. Nester von Kerzen. Ihre Flammen mahnten zur Besonnenheit. Das Neue Forum hatte eine Menschenkette vor dem Haupteingang dieser Bezirksbehörde gebildet. Einige Personen, die ich kannte, hatten dort ihre Familienangehörigen an die Hand gefasst. Riefen besänftigend den in Hitze gekommenen Gesichtern entgegen: „Geht weiter!“ Wer fühlte nicht, dass in dieser Erregung alle Hemmungen überwunden waren. Heute weiß ich, wie richtig das Neue Forum damals gehandelt hat, als es das Gebäude schützte. Denn für die Objektverteidigung hatte es klare Befehle gegeben. „Wenn Mitarbeiter angegriffen worden wären, ich weiß nicht, wie ich mich entschieden hätte“, sagte später der Leiter der Bezirksverwaltung, Generalleutnant Manfred Hummitzsch, in einem Interview.

Im Hintergrund, auf der rechten Seite des Gebäudes, nur eine kleine Berufsriege von Bewachern in Drillichzeug. Ohne Helme, Visier und Nackenschutz. Ohne „Bunanudeln und RW“ (Reizwurfkörper). Ohne Pistolen und Hunde. Ohne Schützenpanzer. Ohne Stahlkolosse mit Räumpflügen. Ohne MP mit je sechzig Schuss Munition, wie sie noch wenige Tage zuvor zu sehen gewesen waren. Diese Riege wirkte harmlos, schüchtern. „Zieht Euch um!“ Die MfS-Soldaten sahen uns an, lächelten, als wollten sie sagen: Seht, wir sind nicht mehr bewaffnet. Sind schon halb umgezogen. Stehen nur noch da.

Unsere Lungen waren erschöpft. Mit unverbrauchter Energie und Frische tobte der Orkan hinter uns weiter, ungebrochen grell, elementar. Sylvia und ich waren am neuen Gebäude des Datenzentrums vorbeigelaufen. Kein Licht in den schmalen Fensterschlitzen. Was wird mein Etagennachbar, Professor für Bauwesen, jetzt denken und tun, kam es mir in den Sinn, der Direktor dieses Hauses. Wird er sich noch im Gebäude befinden, in erhöhter Alarmbereitschaft? Aus dem Dunkeln herunterblicken auf das konterrevolutionäre Treiben? Einige Wochen später fragte ich ihn im Hausflur danach, und er bestätigte mir, dass er tatsächlich dort gewesen sei. Unbegreiflich für ihn, dass sein „Rad der Geschichte“ plötzlich Achsenbruch hatte.

Vor der Thomaskirche vereinzelte Polizisten. Demonstranten diskutierten mit ihnen. Wir kommen wieder! Ja, das werden wir, sagte ich. Sylvia verabschiedete sich von mir. Sie hatte ihren Trabant am Hauptbahnhof abgestellt. Mein Auto stand am Dimitroff-Museum. Nur wenige Fahrzeuge begegneten mir auf der Heimfahrt. Als ich kurz nach 21 Uhr zu Hause war, rief ein Korrespondent aus Amsterdam an. Er fragte, ob ich auch schwarz-rot-goldene Fahnen gesehen hätte. Ich war perplex und erzählte, dass nach Meinungsfreiheit und nach Demokratie gerufen worden sei. Er wollte sich wieder melden.

Am nächsten Tag Empörung in fast allen Zeitungen. Aufgrund der Demonstration sei der Verkehr zusammengebrochen. Trotz der Aufrufe von Leipziger Persönlichkeiten habe sich wieder ein Zug formiert. Transparente seien aufgetaucht: Dialog statt Gewalt! Mehr tun für die Umwelt! Transparente hatte ich nicht gesehen. Die „Volkszeitung“ schimpfte, dass Demonstranten immer wieder Abkürzungen durch Grünanlagen suchten. Als ungereimt empfand sie auch, dass manche Berufsverbot für einen Kommentator des DDR-Fernsehens gefordert hätten. Gemeint war Karl-Eduard von Schnitzler. Die „Volkszeitung“ konnte nicht fassen, daß viele Bürger, die sie als ihr Volk interviewen wollte, nicht bereit waren, etwas zu sagen, als sie bemerkten, dass es Reporter eben jenes Blattes waren.

Wie falsch war auch die Berichterstattung über die Situation vor der Stasi-Zentrale: Volkspolizisten, die den nahe gelegenen Gebäudekomplex der Behörde der Deutschen Volkspolizei sichern, schlägt ein gellendes Pfeifkonzert entgegen. Erst in einem hinteren Komplex, im Barfußgässchen, befand sich der Eingang der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei. Warum sollte ausgerechnet sie mit Pfiffen und Buh-Rufen belagert worden sein? Zuletzt das Lamento, dass zweieinhalb Stunden keine Straßenbahnen über den Ring hatten fahren können. Die Zeitung ließ sogar den Technischen Direktor der Verkehrsbetriebe sprechen. 320 Fahrten waren ausgefallen. Tausende – vor allem Mitarbeiter von Handels- und Dienstleistungseinrichtungen – hätten vergeblich auf ihre Bahn gewartet. Aber an den Haltestellen war niemand zu sehen gewesen. Alle waren demonstrieren.

Im Radio forderte plötzlich sogar das Politbüro eine umfassende Volksaussprache, „um das weitere Gedeihen des sozialistischen Vaterlandes zu gewährleisten“. Als sei der bisherige Sozialismus attraktiv und bedürfe noch einer Steigerung, während sich seine Repräsentanten in eine hoffnungslose Sackgasse manövriert hatten. Und die Greise riefen: „Dialog ist unsere Politik!“ Hatte es je einen Dialog gegeben mit den Ureinwohnern von Wandlitz? Auch die SED-Bezirksleitung sagte jetzt, dass ein „offenherziges und vertrauensvolles Aufeinanderzugehen“ unerlässlich sei, davon habe sie sich auch am letzten Montag leiten lassen. Gemeint war die Erklärung vom 9. Oktober im Leipziger Stadtfunk, die jedoch in fünf Sätzen nur das wiedergab, was Menschenrechts-, Friedens- und Umweltgruppen, das Neue Forum, die vielen Pfarrer der Stadt und Landesbischof Hempel stets forderten: „Keine Gewalt! Besonnenheit, friedliches Sprechen.“ Nur wurde ihnen die Öffentlichkeit verweigert.

Umso verwirrter und unsicherer war die örtliche Bezirksbehörde des Ministeriums für Staatssicherheit, wie sich später erwies. Ihr Leiter verstand nicht, „warum nicht einer von den drei beteiligten Herren der SED-Bezirksleitung den allgewaltigen und gefürchteten Stasi-Chef angerufen und gesagt hat: Mach alles, damit es nicht zur Konfrontation kommt. Es lag doch mit in meiner Hand, was gemacht wurde. Ich hätte doch diese riesige Last der Verantwortung mittragen müssen, wenn ein Demonstrant oder einer von den MFS- und VP-Leuten die Nerven verloren hätte.“ Zumindest hatte der General seinen Leuten verboten, Waffen zu tragen, und zwar „gegen die Dienstvorschriften des Ministers“.

Erst durch den Druck der Straße und durch neue Anweisungen der Parteileitungen probierten viele Genossen und Professoren erstmalig den öffentlichen Dialog als neue soziale Verhaltensform, den zwei Generationen in ihren Lebenserfahrungen, aber auch in ihren Verhaltensmotiven nicht gekannt hatten. Tatsächlich schien es, als gestatte die Situation ihnen für Sekunden eine historische Erfrischung, eine persönliche Belebung. Wie schön klangen nun ihre Sätze, als sie feststellten, eine Presse zu benötigen, in der das Volk mit seinen Erfahrungen zu Worte käme. Auch die SED-Bezirksleitung sprach mit den Leipzigern, als seien es ihre vertrautesten Freunde. Geduld und Beharrlichkeit forderten sie plötzlich und ein gütliches Aufeinanderzugehen. Herrschte auch nicht immer Einigkeit in den Wegen, so doch im Ziel der Gespräche: Wie gestalten wir für uns eine attraktive sozialistische DDR, der keiner mehr den Rücken kehrt?

Dennoch distanzierten sie sich immer heftiger von denjenigen, die nun begannen, um den Kern dieser Stadt zu laufen. Auf den Ring gingen die Verführten, in die Hörsäle und Foren strömten die ehrlich Gesonnenen, die Intelligenteren. Ich hielt mir fast die Ohren zu, so diskussionsfreudig waren auf einmal die jahrzehntelangen Schweiger der SED, CDU, LDPD, NDPD. Sie spannten all ihre Künstler und andere Persönlichkeiten ein, um sich an die Spitze der Bewegung zu befördern und Dialoghäuser zu schaffen. Dialog war in wenigen Tagen zu einem Schlagwort geworden. Es klang schon wieder wie eine Kampagne: sich verpflichtet zu fühlen, sich stets verpflichtet zu fühlen zu dem, was alle für ihre Pflicht hielten. Wie sollten wir diesem zunehmenden Willen zum Gespräch Glauben schenken, für Besseres zu streiten, wenn die Forderungen des Neues Forums weiterhin verschwiegen wurden? Es war nicht zugelassen und wurde ständig bedroht. Am 19. Oktober, bei einer Diskussion in der Moritzbastei mit 1500 Teilnehmern, erhob sich aus einem heftigen Disput die Forderung nach Zulassung des Neuen Forums. Doch ihre Vertreter wurden nicht in das Präsidium gelassen, weil Roland Wötzel, Bezirkssekretär der SED, sich nicht mit einer „staatsfeindlichen Organisation“ an einen Tisch setzen wollte. Hatte er sich nicht am 9. Oktober in dem gemeinsamen Aufruf für Dialog ausgesprochen? Was war davon übriggeblieben?

Das Neue Forum wird bald zugelassen, sagte mir Wolfgang E. Schütte, ein Schriftstellerkollege. Wir trafen uns zufällig vor der Hinrichschen Buchhandlung in der Mädlerpassage. Aber nur als Partei, fügte er hinzu. Als Partei verstehen wir uns weniger, sagte ich. Mehr als Bewegung bewegter Bürger mit Zivilcourage. Gewiss nicht als Ergänzung zum Blockflötenspiel in der Nationalen Front. Das war doch 1949. Ein Anachronismus. Ich lachte ihn an und sah ein unergründliches Funkeln der vergrößerten Augen hinter seiner eloxierten Brille.

Zu Hause erreichte mich der Anruf eines weiteren Kollegen, Mitglied der LDPD. Seine plötzliche Freundlichkeit kam mir vor wie Geschmuse. Er wolle mich demnächst besuchen und doch noch den „Aufruf unterschreiben“. Ob Bürgerbewegung oder Partei. Eine neue Fahne, regenbogenfarben, war das Neue Forum allemal. Sie war ein Flattern zwischen Empörung und Mut.


7.Mai 1989

8. Mai 2009

Am 7. Mai vor 20 Jahren wurden in der DDR das letzte Mal die Kommunalvertreter gewählt. Der Ablauf ging wie folgt von statten: Die SED erstellte Listen mit ihren Kandidaten der sogenannten „Nationalen Front“ – also Vertretern aller Parteien und Massenorganisationen. Nun wurde vom Bürger erwartet, dass er am Wahltag genau diese Liste nahm, sie faltete und einfach in die Urne steckte.

Selbstverständlich ohne die dafür rein formal aufgestellte Wahlkabine zu benutzen. Wer sich dem weigerte und anders wählte, dessen Stimme wurde für das stets traumhafte Wahlergebnis (weit über 90 %) einfach ignoriert. So war es überall in der DDR. Überall – nein, nicht überall. Verschiedene  Ort e und Menschen leistete bei dieser letztenWahl der DDR Widerstand.

Hier der Bericht des Dorfes Neuglobsow.

Oder hier der Liniealtrick mancher DDR-Bürger. (auf ZDF-Mediathek gehen und dort „1989: SED fälscht Wahlergebnise“ eingeben)


Diktatur, Unrechtsstaat und Selbstfreiung

5. Mär 2009

Ist der Begriff Unrechtsstaat ein geeigneter Begriff zur Vergangenheitsbewältigung? Diesen Beitrag habe ich eben dazu gelesen:

Der Begriff ¸¸Unrechtsstaat“ verdeckt die Paradoxie der DDR

Es scheint ein Fluch zu sein, dass wir in unschöner Regelmäßigkeit dümmer über das Jüngstvergangene sprechen als im Revolutionsjahr 1989/90. Dümmer, das heißt vor allem: ungenauer. Am Morgen des 9. November 1989 veröffentlichte das Neue Deutschland, damals noch Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, auf der ersten Seite einen Appell, der zum Bleiben in der DDR bewegen sollte. Unterschrieben hatten unter anderen Christa Wolf, Volker Braun, Christoph Hein, Kurt Masur und Ulrich Plenzdorf, aber auch Bärbel Bohley vom Neuen Forum, Erhart Neubert vom Demokratischen Aufbruch, Gert Poppe von der Initiative Frieden und Menschenrechte. „Was können wir Ihnen versprechen?“, wird in dem Aufruf gefragt: „Kein leichtes, aber ein interessantes Leben . . . Wir wollen einstehen für: Demokratisierung, freie Wahlen, Rechtssicherheit, Freizügigkeit . . . „. All das also hielt man für nicht gegeben im Arbeiter- und Bauernstaat. So empfand damals eine Mehrheit der DDR-Bürger, bevor sie zu Ostdeutschen wurden.

Den „politischen Begriff Unrechtsstaat“ wolle er nicht verwenden, hat nun Bodo Ramelow, ein Spitzenpolitiker der Linken, erklärt und damit für Erregung gesorgt. Er leugne weder Stasi noch Mauertote, aber es habe in der DDR sehr wohl Recht und Gesetz gegeben, auch wenn die Deutsche Demokratische Republik kein Rechtsstaat gewesen sei. In den Wahlkämpfen dieses Jahres wird, darauf kann man wetten, viel von diesen Äußerungen die Rede sein. Das Wort vom „Unrechtsstaat“ wird ohne Zweifel gern als Kampfbegriff verwendet, und das wird sich so schnell auch nicht ändern.

Als im Frühjahr 2006 eine noch unter Kanzler Schröder von Christina Weiss eingesetzte Expertenkommission ihre Empfehlungen zur Schaffung eines Geschichtsverbundes „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ vorlegte, gab die Schriftstellerin Freya Klier ein Sondervotum ab, in dem sie sich gegen den „Geist des Abwickelns, des Historisierens“ wandte: „Die Stützen der untergegangenen Diktatur marschieren ja nicht nur in Gedenkstätten auf – sie sitzen im Bundestag, in den Medien, in Schulen und vielfältigen Gremien unserer Demokratie. Und sie werden nicht müde, ihren Unrechtsstaat im Nachhinein demokratisch aufzupolieren und in der öffentlichen Erinnerung zu glätten.“

Eine Sackgasse mit Ausweg
Klier geht davon aus, dass die Geschichte noch raucht, dass alte Kader „auf Zukunft“ zielen. Daraus folgt für Zeitgeschichte und Geschichtspolitik ein politischer Auftrag. Dass die Linke sich gegen Begriffe und Geschichtsbilder wendet, die in erster Linie gegen sie in Stellung gebracht werden, scheint folgerichtig. Eine freie Gesellschaft hält das aus.

Für die Öffentlichkeit, für den an historischer Erkenntnis und mithin an Historisierung Interessierten wird in dieser Debatte wenig gewonnen. Zu eingefahren sind die Reflexe, zu allgemein ist das Wort „Unrechtsstaat“ gefasst, wenn es weiter nichts bezeichnet als die Differenz zum demokratischen Rechtsstaat Bundesrepublik. Über diese Unterschiede muss man nicht lange debattieren, die DDR selbst hat großen Wert auf diese Differenz gelegt. Jeder lernte in der Schule, dass er in einer Diktatur lebt, in der „Diktatur des Proletariats“. Die „Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei“ war im Artikel 1 der Verfassung – verabschiedet 1968, geändert 1974 – festgeschrieben. Die Propaganda legte großen Wert darauf, die Unterlegenheit der „bürgerlichen Demokratie“ zu demonstrieren. Man kann der DDR manches nachsagen – aber ein demokratischer Rechtsstaat im Sinne des Grundgesetzes wollte sie nie sein.

Der Repressionsapparat, allen voran das Ministerium für Staatssicherheit, waren richterlicher Kontrolle entzogen. Gummiparagraphen gegen Sabotage, Hetze, „asoziales Verhalten“, Rowdytum, „ungesetzliche Verbindungsaufnahme“ und dergleichen rechtfertigten politische Willkürurteile. Sie folgten zwar, wenn man sich auf den strikt rechtspositivistischen Standpunkt stellt, dem geltenden Recht, verletzten aber, was selbst die sozialistische Verfassung zu schützen gebot: „die Persönlichkeit und die Freiheit jedes Bürgers“. Allerdings gestattete die Verfassung Einschränkungen ausdrücklich, „insoweit . . . als dies gesetzlich zulässig und unumgänglich ist“. Und selbst in diesem Rahmen war die staatliche Praxis nicht immer verfassungskonform.

Aber es geht im Schlagabtausch um die Frage „Unrechtsstaat oder nicht?“ weniger um Anspruch und Wirklichkeit der DDR als darum, wie abscheulich diese gewesen sei. So abstoßend doch immerhin, dass ihre Bürger die erste historische Gelegenheit wahrnahmen, sie abzuschaffen. Vom “ Intermezzo der ostdeutschen Satrapie“ spricht Hans-Ulrich Wehler in seiner Gesellschaftsgeschichte. Wie unter diesem Repressionsregime, das „in jeder Hinsicht in eine Sackgasse“ (Wehler) führte, dennoch Hochachtung für Bürgerrechte, Sehnsucht nach Demokratie und die Forderung nach Rechtsstaatlichkeit aufkamen, wäre eine Frage, über die – zumal im Jubeljahr 2009 – zu diskutieren sich lohnte. Erzählt man die DDR-Geschichte als Geschichte der Selbstbefreiung, der Emanzipation einer Gesellschaft von den Zumutungen der Parteidiktatur, so gewinnt man dabei freilich keine Kampfbegriffe.

Von JENS BISKY, Süddeutsche Zeitung

(via)


Das Honecker-Bild – die Auflösung

19. Mär 2008

Also gut, ich löse das Rätsel nun auf. Auf den ersten Blick ist es ein ganz gewöhnliches Bild von Erich Honecker zu sehen, aber die Gesamtstimmung des Bildes ist verdächtig…. bedrückt, sage ich mal (zusammengepresste Lippen, trauriger Blick). Es handelt sich hier um das offizielle Kondolenzbild, das in den SED-Archiven bereitstand, falls der Staatsratsvorsitzende überraschend verstorben wäre. Sein Tod wurde letztlich doch nicht zum Staatsakt, er hat die DDR über-lebt und ist 1994 in Chile gestorben.


Honecker im Staatsarchiv

11. Mär 2008

Honecker im StaatsarchivLetzte Woche war ich bei einer Führung im Thüringer Staatsarchiv in Meiningen. Das war eine sehr interessante Angelegenheit. Dabei kamen wir auch in die Abteilung des SED-Archivs des Bezirkes Suhl. Und da hing ein Bild von Honecker. Aber das ist nicht irgendein Bild, sondern eins, wie es in jedem Archiv in DDR-Zeiten gelagert wurde.

Kleines Rätsel: Was ist das Besondere an diesem Bild? 


Filmtipp: An die Grenze

22. Feb 2008

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An dieser Stelle eine Filmempfehlung eines weniger bekannten, aber sehr genialen Film über die Zeit des kalten Krieges an der innerdeutschen Grenze. Ich habe den Film in der Bibliothek gesehen und hatte erst Zweifel, ob dies wirklich eine sehenswerte Produktion ist, doch ich wurde eines besseren belehrt.

Zur Story: Der 19jährige NVA Soldat Alex wird im Mai 1974 kurz vor der Fußballweltmeisterschaft an die innerdeutsche Grenze versetzt. Gegen den Willen seines Vaters hatte er sich entschieden zuerst zur NVA zu gehen und nicht gleich mit einem Studium zu beginnen. Gelockt mit der Aussicht seinen Traumberuf, den des Fotografen, zu erlernen, meldet er sich bei der NVA. Dort begreift er das die Ideale von Gleichheit, Demokratie und Menschenwürde Propaganda sind. Ständig beschäftigt ihn die Frage, was passiert, wenn jemand Anderes im Visier der Kalaschnikow auftaucht. Abwechslung bringen nur die WM-Spiele und ein Mädel namens Christine, die in ermutigt seinem Traum des Fotographen nachzugehen. Eine gelungene, nette Geschichte mit schönen Bildern, die einen in die DDR versetzen. Ein Film der zeigt, wie sich die DDR-Soldaten gefühlt haben müssen und was sie beschäftigt hat. Ein Film mit Witz, schönen Landschaftsszenen, eine packende Zeitreise mit Spannung, bei dem nur das Ende etwas flach gestaltet, den Zuschauer sehr abrupt aus dem Film reißt.         

Die historischen Fakts zum Film: 

- 1400 km Grenzzaun umfasste die deutsch-deutsche Grenze zwischen 13. August 1961 und dem 3. Oktober 1990.

- In 28 Jahren dienten insgesamt 600.000 Männer in den Grenztruppen.

- Die genaue Zahl der getöteten Flüchtlinge ist unbekannt. Man schätzt sie auf circa 600.

- 29 DDR-Grenzsoldaten fanden den Tod.


Warum Aufarbeitung schwierig sein kann

2. Feb 2008

Seid ein paar Wochen denke ich über Marcus Artikel „Zeit zur Aufarbeitung“ nach. Eigentlich müsste ich doch ein Verfechter einer gründlichen, ehrlichen Aufarbeitung sein. Aber irgendwie…

Meine Gedanken sollen nicht ohne Widerspruch bleiben. Im Gegenteil. Ich möchte mit meinem Post sogar provozieren. Auch mich selbst.

Das erste Problem was ich feststelle: WIR waren doch die Guten! Uns wurde in der Schule beigebracht, dass die DDR von Antifaschisten gegründet wurde und die Faschisten alle im Westen sind. Die Mauer hieß offiziell: „Antifaschistischer Schutzwall“. Was doch ganz klar zeigt, dass wir die gute Seite der Welt vor dem Faschismus beschützen. Auch wenn man das als Erwachsener natürlich nicht glaubt, geht diese Dauer Berieselung mit Ideologie nicht ganz spurlos an einem vorbei. Das merke ich eben bei diesem Thema.

Zum Thema Verklärung: Ein Schulfreund, den ich öfter treffe, sagte schon mehrmals zu mir, wenn wir über solche Themen sprachen: „Das war doch keine schlechte Zeit! Es war doch eine schöne Zeit!“ Dann sage ich: „Das war unsere Kindheit und Jugend, was soll daran schlecht sein?“ Die Ossis fühlen sich persönlich angegriffen wenn sie Aufarbeitung der DDR Vergangenheit hören, so als wären sie grundsätzlich schuldig. Egal für was. Sie wissen nicht für was sie da verantwortlich sein sollen. So verstehen sie das Thema aber leider. Aufarbeitung: wer da gelebt hat ist schuldig! Dabei fühlen sich die Ossis (ich nicht) als zweifach betrogene. Erstens mussten sie in der DDR leben und konnten das goldenen Schlaraffenland nur im Fernsehen anschauen und dann nach der Wende wurden ihnen blühende Landschaften versprochen und genau das Gegenteil war der Fall. Arbeitslosigkeit, zerschlagenen Betriebe, das Wegbrechen einer ganzen (im Nachhinein heilen) Welt. Weil sie nicht das bekamen was ihnen versprochen wurde (wurde es versprochen?) verklären sie jetzt die Vergangenheit. Und verwechseln DDR Vergangenheit mit ihren persönlichen Leben. Und ein bisschen…gehts mir auch so. Die Probleme jetzt überschatten bei mir die Vergangenheit. Für mich ist das wie eine andere Welt, weit weg.

Außer wenn ich diesen alten Mann auf dem Friedhof sehe, wie er auf dem Friedhof stundenlang die Wege säubert und berechnet (mit der Harke so schöne Striche im Kies zieht). (Es kam mir lange Zeit so vor, das er irgend was ab arbeiten will. Eine Schuld? Aber das war vielleicht nur MEIN Eindruck) Wenn er mich sieht, dann schaut er auf und grüßt mich über die Maßen freundlich. So als wären wir sehr gute Freunde seit ewigen Zeiten. Dabei weiß ich genau, dass dieser Mann mich Oben angeschissen hat. Meine christlichen Jugendstreiche an die GANZ große Glocke gehängt hat und mir so Schwierigkeiten gemacht hat. Ja, mein weiteres Leben hat er damit verändert. Das kann ich nicht vergessen wenn ich ihn sehe. Ich sehe immer noch den Hardliner, den Stasimann in ihm. Aber hasse ich ihn? Nein. Ich kann nicht. er ist ein alter gebrechlicher Mann. Er tut mir leid. Er soll seine Ruhe haben. Ist das richtig? Schreibt es!


Zeit zur Aufarbeitung

19. Nov 2007

Wie steht es eigentlich in unserem Land um die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit? Man sagt, die wissenschaftliche Aufarbeitung der DDR-Zeit sei sehr weit fortgeschritten – aber wie sieht es mit der Aufarbeitung dieser Zeit bei der Bevölkerung aus? Ich verstehe die Argumente, dass auch zur Aufarbeitung der Nazizeit 25 Jahre Abstand brauchte. Aber ein Vergleich beider Dikaturen scheint mir schwierig. Ich bin schon besorgt daürber, wie verklärt das Leben in der DDR-Diktatur von vielen Mitbürgern dargestellt wird. Der Buchtitel von Stefan Wolle drückt hierzu viel zum Ausdruck: „Die heile Welt der Diktatur„. Der Stand der Aufarbeitung scheint mir im Leben der Menschen nicht wirklich angekommen zu sein. Natürlich „war nicht alles schlecht“, aber das reicht mir nicht zur Bewältigung dieses Teils der deutschen Geschichte. Der Umgang mit der DDR-Vergangenheit ist mir zu selbstverständlich. Natürlich ist diese Aufarbeitung nicht in schwarz-weiß-Kategorien anzugehen. Natürlich muss auch die reale Enttäuschung, Überforderung und vielleicht manchmal die Verbitterung in die Betrachtungen mit einbezogen werden. Aber ein einfaches „früher war alles besser“ wird den Opfern nicht gerecht.

Eine fehlende ehrliche Aufarbeitung wird uns im Osten auch nicht, dahin führen, die Zukunft zu gestalten. Um in eine Entwicklung zu kommen, müssen wir das anschauen und bewerten was war. Sind wir bereit an eine Zukunft im Osten zu glauben? Okay, dann müssen wir Wege zur Aufarbeitung finden, die bei den Menschen ankommen.

In der aktuellen ZEIT habe ich ein interessantes Interview mit Salomon Korn gelesen, in dem die beiden deutschen Diktaturen behandelt werden.