Grenzgänger-Tour: Tag 5

18. Jan 2010

Es ist der 9.11.2009. Vor 20 Jahren fiel die Mauer in Berlin. Es fühlt sich großartig an, an diesem Tag hier in dieser Stadt zu sein. Der Tag beginnt so unspektakulär wie wahrscheinlich vor 20 Jahren auch.

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Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns auf und fahren zur Bernauer Straße. Hier sehen wir die ersten Reste der noch erhaltenden Berliner Mauer. Ich war noch nie hier sondern kenne diesen Teil nur aus dem Fernsehen. Die Bernauerstraße erlangte Berühmtheit durch spektakuläre Fluchtaktionen aus den Fenstern von Häusern im Ostteil Berlins auf die Straße, deren Bürgersteig bereits in West-Berlin lag. Die nach Westen gelegenen Eingänge und Fenster dieser Häuser wurden sukzessive zugemauert, die Dächer mit Sperren versehen. Im Herbst 1961 hatte man die letzten Grenzhäuser dann zwangsgeräumt; die Gebäude wurden in den Jahren nach 1963 schließlich ganz abgetragen, um zu militärisch „übersichtlichen“ Verhältnissen unmittelbar an die Mauer zu kommen. Selbst eine Kirche, die direkt auf dem Todesstreifen wurde gesprengt.  Zehn Personen bezahlten ihre Fluchtversuche an dieser Stelle mit dem Leben. Eine Gedenkstätte erinnert hier an diese Geschehnisse. Wir steigen auf den Turm des Museums und blicken von oben auf die Grenzanlagen. Direkt dahinter liegt ein Friedhof. Was für eine Symbolik! Wir gehen zurück zu den Mauerrsten und zünden Kerzen im Gedenken an die Mauertoten an und laufen den Mauerweg bis zum Hauptbahnhof und bekommen so einen Eindruck vom Mauerverlauf. Im Zick Zack geht es durch die Stadt. Wie eine Schneise zog sich die Grenzanlagen durch Berlin. Durch die vielen Neubauten in diesem Gebiet wird das heute nicht mehr ganz so deutlich. Berlin – eine geteilte Stadt. Zum ersten Mal bekomme ich einen Eindruck davon, was das bedeutet haben muss. Du läufst und es geht plötzlich nicht mehr weiter, du steigst in die U-Bahn und es geht plötzlich auch nicht mehr weiter. Der U-Bahnhof der U8, der bei der Bernauerstraße unter der Kreuzung mit der Brunnenstraße liegt war beispielsweise während der Teilung geschlossen und galt als Geisterbahnhof. Heute gibt dort eine Ausstellung einen Einblick in dieses Thema.

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Einige Meter weiter am Humboldthafen kommen wir an die Stellen, an der mit Günter Litfin, der erste Mensch an der Grenze sein Leben ließ. Er versuchte am 24. August 1961 in die BRD zu fliehen. Dabei wurde er von der Transportpolizei entdeckt. Er sprang in den Humboldthafen versuchte schwimmend die Westberliner Seite zu erreichen. Nach Warnschüssen wurde er durch gezielte Schüsse getötet. Die Wasserfläche des Hafens gehörte zu Ostberlin. Westberlin begann erst an der Ufermauer. Wir sehen noch den Wachturm, der heute als Gedenkstätte dient. Sein Bruder Jürgen hat sie ins Leben gerufen. Wir laufen am Hafenufer, lesen die Tafeln, die über den ersten Mauertoten berichten und laufen betroffen weiter zum Hauptbahnhof. Von dort fahren wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Checkpoint Charlie. Der Checkpoint Charlie war einer der bekanntesten Berliner Grenzübergänge. Er verband in der Friedrichstraße zwischen Zimmerstraße und Kochstraße den sowjetischen mit dem amerikanischen Sektor. Der Kontrollpunkt wurde im August 1961 in Folge des Mauerbaus eingerichtet, um die Grenzübertritte des westalliierten Militärpersonals und ausländischer Diplomaten erfassen zu können. Die Dunkelheit bricht schon herein, während sich hier viele Menschen tummeln. Zahlreiche Souvenierhändler bieten hier sowjetische Mützen und amerikanische Abzeichen an. Heute kann man Männer in Original-Grenzmontur fotografieren. Wir genießen das Treiben hier und machen uns auf den Weg zum Fest der Freiheit, den offiziellen Feierlichkeiten zum Jubiläum 20 Jahre Mauerfall. Es fängt nun an zu regnen und wir sind froh Regenschirme dabei zu haben. Vom Potsdamer Platz aus Richtung Brandenburger Tor sind die Dominosteine schon auf gebaut. Fast eintausend Dominosteine sind aufgestellt. Sie wurden von Jugendlichen, Künstlern und kreativen Gruppen gestaltet worden. Internationale Anbindung erhält das Projekt u.a. durch die „Mauerreise“. Einige Dominosteine wurden in Länder gebracht, in denen Teilung und Grenzerfahrung noch immer den Alltag prägen und von ihnen künstlerisch gestaltet. Während der Feierlichkeiten werden  die Dominosteine umgestoßen und ein Dominoeffekt erzielt. Der “Domino-Effekt” steht gedanklich für viele Menschen, mutige Akteure sowie Zeitzeugen der Friedlichen Revolution Ende der 1980er Jahre. Aus Protesten Einzelner wurde eine entschlossene, aber friedliche Massenbewegung.

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Das “Fest der Freiheit” am 9. November will auch vermitteln, dass die Ereignisse von 1989 und der Fall der Mauer nicht nur Deutschland, sondern Europa und die Welt verändert haben: “Deutsche Geschichte mit Dominoeffekt”. Trotz des schlechten Wetter harren wir hier aus und sind glücklich an diesem historischen Tag in Berlin zu sein. Wir stehen am Holocoustmahnmal und schauen auf die Leinwand und die Dominosteine. Die Show verläuft eher schleppend. Klassische Musik und viele Reden von den anwesenden Politikern langweilen mich zunehmend. Das gesamte Fest wirkt unnötig in die Länge gezogen. Dennoch amüsieren wir uns. Ich entdecke viele Menschen, die aus ganz Europa extra nach Berlin angereist sind und freue mich darüber. Endlich fallen die Dominosteine. Begeisterung bei den Massen. Eine geniale Symbolik! Ich bin berührt, der absolute Höhepunkt des Tages. Insgesamt bin ich aber vom Fest der Freiheit enttäuscht. Es ist weniger ein Fest der Bürger, als ein fernsehtauglich inszenierter Staatsakt. Das Volk wollte feiern, der Rahmen gab es leider nicht her.


Zur Bedeutung der Wende

30. Sep 2009

Gestern erschien ein Interview mit mit dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler im Meininger Tageblatt. Hier ein paar Auszüge daraus zum Nachdenken:

“Das Jahr 1989 hat sich nicht als große sinnstiftende Erzählung durchsetzen können, sondern wird überlagert von der Erzählung der diplomatischen Erfolge auf dem Weg zur Wiederherstellung der deutschen Einheit.”

Der 3. Oktober ist “eher das Datum für eine Selbstfeier der westdeutschen politischen Klasse”.

Auf die Frage, warum 1989 nicht bundesweit zu einem großen Bezugspunkt geworden ist, meinte Münkler:

“Ich glaube, drei Faktoren spielen da zusammen. Erstens hatte die westdeutsche politische Klasse, die im Prozess der Wiedervereinigung glänzende diplomatische Leistungen vollbrachte, weder am Oktober 89 noch am 9. November einen Anteil. Zweitens spielte auch die Mehrheit der Bevölkerung eine passive Rolle – jedenfalls der gesamte Westen. Der Herbst 89 wurde hier im Fernsehen verfolgt. Drittens darf man nicht vergessen, dass mit der DDR für Teile der deutschen Bevölkerung ein großes Projekt zusammegebrochen ist. Auch wenn die DDR kaum dem entsprach, wie sich Intellektuelle und andere den Sozialismus vorgestellt haben.”

Als im Westen geborener habe ich natürlich an den Herbst 1989 wohlige Erinnerungen. Ich konnte bequem diesen Umbruch in Ostdeutschland vom Sofa aus verfolgen. Und ich glaube, die Einheit wäre heute in meiner Lebenspraxis relativ bedeutungslos, wäre ich nicht vor 7 Jahren in die ehemaligen Revolutionsgebiete gezogen.

Für mich bleibt die große Frage, wie wir mit dem 3. Oktober umgehen sollen. Gibt es dazu Anregungen, Ideen, Meinungen?


Jahr 20 nach dem Mauerfall

12. Jan 2009

Also wir sind jetzt mittendrin im spannenden Jahr 20 nach dem Mauerfall. Ich freue mich darüber, dass es dieses Jahr viele Gelegenheiten gibt, die letzten 20 Jahre zu reflektieren. Ein öffentlicher Dialog findet im Internet statt:

Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Wolfgang Tiefensee, lädt alle interessierten Bürgerinnen und Bürger im Rahmen des Forschungsprojektes *Wahrnehmung der deutschen Einheit* unter dem Motto *Unsere deutsche Einheit* zu einem vierwöchigen öffentlichen Dialog im Internet ein. Dabei geht es um die Frage, wie die Bevölkerung die deutsche Einheit 20 Jahre nach dem Mauerfall wahrnimmt und bewertet.

Es geht um folgende Fragen:

  • Gestern: Was verbinden Sie mit dem 9. November 1989 — dem Tag der Maueröffnung?
  • Heute: Wie erleben Sie momentan die deutsche Einheit? Wo befinden wir uns jetzt?
  • Morgen: Wann ist die deutsche Einheit erfolgreich vollendet? Was ist noch zu tun?

Ich denke, das sind sehr gute und wichtige Fragen. Monitor Ostdeutschland empfieht: mitmachen!

Ein weiterer Link zum “Jubiläum” gibt es hier.


Gedenktag

9. Nov 2007

Der Mauerfall wurde also volljährig, was war das für eine einzigartige Zeit in unserem Land. Ich bin echt stolz auf die Leute, die damals in der Wendezeit für Reisefreiheit und Demokratie aufgestanden sind – da war ein riesiges Stück Mut drin. Da bewegen sich Volksmassen, um etwas schlechtes zum besseren zu wenden! Wow! Das sind wir Deutschen! Das ist genial! Das kann ich mir heute manchmal gar nicht mehr vorstellen, dass wir dazu fähig waren. Ja, und wir waren auch fähig zum 9. November 38. Heute war ich in Meiningen auf einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag zur Reichprogromnacht. Was haben wir da die negative Fratze des Menschseins gezeigt. Ekelig. Und genau 51 Jahre danach fällt die Mauer. Die Tragödie von 38 brauchte 51 Jahre um eine Wende beizuführen. Wo war da Gott? Ich glaube es war Gott nicht egal, dass Millionen von Juden ihrer Würde beraubt und grausam umgebracht wurden. Aber ich glaube auch, dass es bei Gott Vergebung gibt. 51 Jahre! Und dann fällt die Mauer! Hat Gott etwas mit dem Mauerfall zu tun. Ich glaube schon. Ich erinnerte mich an Psalm 51. Les ihn doch mal in diesem Zusammenhang. Gott hat unser Land (gerade auch den Osten!) noch lange nicht aufgegeben – ein Neuanfang ist immer möglich.


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