Passend zu 20 Jahre Deutsche Einheit ein paar interessante Links mit umfangreichem Material zum Lesen, Hören und Sehen:
Friedliche Revolution goes Althengstett
27. Sep 2010Aufruf zum Schweigen und Danken am 03.10.2010
8. Sep 2010Mit einem Aufruf zum Schweigen und Danken am 3. Oktober 2010 wendet sich die christliche Initiative „Jahr der Stille“ an die Öffentlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland. Der Jahrestag von zwanzig Jahren Deutsche Einheit sollen öffentlich auf Straßen und Plätzen mit zwei Minuten Stille und zwanzig Minuten Dank gewürdigt werden.
„Wir rufen die Bürger unseres Landes auf, am 20. Jahrestag der Deutschen Einheit für zwei Minuten in der Öffentlichkeit um 12 Uhr Stille zu halten und unserem Gott zu danken.“ Die Idee dieses Aufrufes stammt von einer Projektgruppe mit Namen „3-Oktober-GottseiDank“. Ziel ist es, das dankbare Gedenken an die friedliche Revolution in der ehemaligen DDR und den gemeinsame Weg zur Deutschen Einheit neu ins Bewusstsein zu rufen. „Entwickeln Sie selbst, mit Ihrer Familie, Gruppe, Ihrem Verein oder Ihrer Kirchengemeinde eine kreative Idee der Umsetzung. Laden Sie vor Ort andere dazu ein. Ganz gleich, ob Sie vor Ihrem Haus, nach dem Erntedankgottesdienst vor der Kirche, auf dem zentralen Platz Ihres Ortes oder sonstwo mitmachen.“ Die zwei Minuten der Stille sollen ein dankbares Erinnern wachrufen. Zwanzig Minuten Dank sollen in der Gemeinschaft mit anderen, unabhängig von ihrem Glauben, Freude wecken.
Wolfgang Breithaupt, Vorsitzender der Initiative „Jahr der Stille“: „Wer dankt, wird nachdenken. Wer nachdenkt, wird entdecken, dass Gott uns mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung viel geschenkt hat. Nachdenken und Danken gehören zusammen und der 3. Oktober ist dafür der richtige Anlass.“
Johannes Selle, MdB: „Mit der friedlichen Wiedervereinigung ist Deutschland von der Völkergemeinschaft wieder aufgenommen worden. Die Kriegsgefahr in Europa ist nahezu nicht mehr vorhanden. Auch viele nichtreligiöse Menschen benutzen spontan das Wort Wunder in diesem Zusammenhang. Gott dafür zu danken, dürfen wir nicht vergessen.“
Frank Heinrich, MdB: „40 Jahre. Trennung. Angst. Kalter Krieg. Und dann das: die friedliche Revolution, die Deutsche Einheit. Mein Herz ist dankbar: Für die kluge Politik von Willy Brand bis Helmut Kohl. Für die mutigen DDR Bürger in den Kirchen und auf den Straßen. Für den lebendigen Gott, der uns hautnah erleben ließ, dass ER der Herr der Geschichte ist. Feiern, danken und beten – ich bin dabei am 3. Oktober.“
(Quelle: 3-oktober-gottseidank.de und Scm-Brockhaus.de)
Der Mann, bei dem Honecker wohnte
29. Apr 2010Vergebung ist möglich! Vergebung statt Rache! Als die Honeckers nach dem Mauerfall nicht mehr nach Wandlitz konnten und praktisch obdachlos waren, nahm ein Mann sie auf, der guten Grund gehabt hätte sie nicht aufzunehmen. Die Honeckers schränkten sein Leben und das seiner Familie ziemlich ein und wollten seinen Arbeitgeber letztlich überflüssig machen. Hierzu ein Interview mit Uwe Holmer über die Ereignisse und seine Einstellung:
Uwe Holmer (* 6. Februar 1929 in Wismar) ist ein deutscher Theologe, Pfarrer und Autor. Holmer war von 1955 bis 1967 Landpfarrer in Leussow in Mecklenburg. Anschließend war er bis 1983 Direktor der Bibelschule Falkenberg. 1983 wurde er Leiter und Bürgermeister der Hoffnungstaler Anstalten Lobetal, die sich vor allem um die Patienten des Lobetaler Fachkrankenhauses für Neurologie, Psychiatrie und Epileptologie kümmerten. Vom 30. Januar bis zum 3. April 1990 nahm er Margot und Erich Honecker in seinem Haus auf, um ihnen Asyl zu geben. Im Ruhestand ging Holmer nach Mecklenburg zurück und arbeitete in der Rehaklinik für Suchtkranke in Serrahn. (Quelle: wikipedia)
Hier noch ein Berich im Focus.
Auf den Spuren der Friedlichen Revolution – ein Reisebericht
8. Feb 2010„Ein Studium des Grenzregimes der DDR ist der beste Weg, sich dem Staat zu nähern, der gerade mystische Züge anzunehmen scheint, je länger er untergegangen ist. Denn nichts war so real wie diese Grenze zwischen den beiden Teilen Deutschlands: erst notdürftig gesichert, dann mit Stacheldraht, schließlich mit Zäunen, Gräbern, Türmen, Bunkern, Minen, Selbstschussanlagen und einer Mauer – was für ein Staat! Wer sie überqueren durfte, galt im ostdeutschen Volksmund als „grenzmündig“. Grenzwächter liefen nie allein, denn hier galt mehr als anderswo, dass der eine auf den anderen aufpassen musste.“ FAZ 25.03.2009
Im November 2009 bin ich mit Freunden anlässlich des 20jährigen Gedenkens an den Mauerfall mit dem Auto die ehemalige innerdeutschen Grenze entlang gefahren. Ich habe diesen Teil deutscher Geschichte entdeckt und möchte sie gerne daran teilhaben lassen und von meinen Eindrücken aus dem Grenzgebiet erzählen. Anhand von rund 100 Aufnahmen werden die Spuren der 1.378 Kilometer langen ehemaligen deutsch-deutschen Grenze gezeigt. Angefangen am einstigen Dreiländereck bei Prex geht es mit dem Auto im Grenzgebiet bis hoch zur Ostseeküste. Das geteilte Dorf Mödlareuth, das Grenzmuseum Teistungen im Eichsfeld, Point Alpha bei Geisa, der Grenzkontrollpunkt Marienborn, die Dorfrepublik Rüterberg, die Halbinsel Priwall und schließlich Berlin – dies sind einige der Höhepunkte des Vortrags. Neben der Erläuterung des Aufbaus der Grenzanlagen und der historischen Hintergründe gibt es interessante Anekdoten von der Reise, die verdeutlichen, wie groß dieses Wunder der Friedlichen Revolution war.
Grenzgänger-Tour Tag 6
2. Feb 2010Heute ist es soweit, der letzte Tag unserer Grenzgänger-Tour steht bevor. Wir haben uns auf die Spuren der Friedlichen Revolution gemacht und dabei einiges erlebt. Beginnend in Leipzig sind wir von Regnitzolsau, im Dreiländereck Sachsen, Bayern und Tschechien, die Grenze entlang bis auf die Halbinsel Priwall gefahren, um gestern an den Feierlichkeiten zum 20.Jahrestag des Mauerfalls teilzunehmen. Bevor den Heimweg nach Meiningen antreten machen wir noch einen Abstecher nach Wandlitz. Wandlitz liegt circa 20 Kilometer nordöstlich von Berlin innerhalb in einem Brandenburger Großschutzgebiet und ist von Mischwald und drei Seen umgeben. Bekannt wurde der Ort zu DDR-Zeiten durch die nahegelegene Waldsiedlung, in der die Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees der SED unter anderem Walter Ulbricht, Günter Mittag, Erich Honecker und Erich Mielke wohnten. Die Waldsiedlung war ein militärisch streng abgeschottete Objekt lag abseits sonstiger Besiedlung. Leider hatte ich mich unzureichend vorbereitet und so suchten wir die Waldsiedlung vergebens. Heute ist dort, was ich vorher nicht wusste, eine Reha-Einrichtung angesiedelt. Wir sind daran knapp vorbeigefahren und da wir nicht mehr die Kraft und Lust hatten uns durchzufragen, sind wir en Heimweg angetretten. Dennoch bekommen wir einen Eindruck vom Leben bei Wandlitz, seiner wunderschönen Umgebung und dem unrühmlichen Fakt Wohngebiet von Diktatoren gewesen zu sein. Ich frage mich, wie es den Wandlitzern heute mit der Siedlung geht?
Quelle: http://personal.georgiasouthern.edu/~hkurz/geo/ddr/ddr-bez.jpg
Abends kommen wir wieder in Meiningen an. Wir haben 2500 km hinter uns gebracht. Eine ereignisreiche Zeit liegt hinter uns. Ich habe einenn guten Eindruck von der Grenze bekommen. Wie lang 1700km sind ist mir nun klarer. Durch unwegsames Gelände und offene Landschaft durchzog sich der Todesstreifen. Ein Monstrum, ein Wahnsinnsprojekt, das Deutschland teilte.
Diese Tour war für mich auch eine Erinnerungsfahrt. Ich habe mich diesem Teil deutscher Geschichte gestellt. Ich war vor Ort, ich habe beobachtet und einen Einblick in die Dimension der Teilung bekommen – das wird mir weit mehr in Erinnerung bleiben als jeder Film oder jedes Buch.
Grenzgänger-Tour: Tag 5
18. Jan 2010Es ist der 9.11.2009. Vor 20 Jahren fiel die Mauer in Berlin. Es fühlt sich großartig an, an diesem Tag hier in dieser Stadt zu sein. Der Tag beginnt so unspektakulär wie wahrscheinlich vor 20 Jahren auch.

Nach einem ausgiebigen Frühstück machen wir uns auf und fahren zur Bernauer Straße. Hier sehen wir die ersten Reste der noch erhaltenden Berliner Mauer. Ich war noch nie hier sondern kenne diesen Teil nur aus dem Fernsehen. Die Bernauerstraße erlangte Berühmtheit durch spektakuläre Fluchtaktionen aus den Fenstern von Häusern im Ostteil Berlins auf die Straße, deren Bürgersteig bereits in West-Berlin lag. Die nach Westen gelegenen Eingänge und Fenster dieser Häuser wurden sukzessive zugemauert, die Dächer mit Sperren versehen. Im Herbst 1961 hatte man die letzten Grenzhäuser dann zwangsgeräumt; die Gebäude wurden in den Jahren nach 1963 schließlich ganz abgetragen, um zu militärisch „übersichtlichen“ Verhältnissen unmittelbar an die Mauer zu kommen. Selbst eine Kirche, die direkt auf dem Todesstreifen wurde gesprengt. Zehn Personen bezahlten ihre Fluchtversuche an dieser Stelle mit dem Leben. Eine Gedenkstätte erinnert hier an diese Geschehnisse. Wir steigen auf den Turm des Museums und blicken von oben auf die Grenzanlagen. Direkt dahinter liegt ein Friedhof. Was für eine Symbolik! Wir gehen zurück zu den Mauerrsten und zünden Kerzen im Gedenken an die Mauertoten an und laufen den Mauerweg bis zum Hauptbahnhof und bekommen so einen Eindruck vom Mauerverlauf. Im Zick Zack geht es durch die Stadt. Wie eine Schneise zog sich die Grenzanlagen durch Berlin. Durch die vielen Neubauten in diesem Gebiet wird das heute nicht mehr ganz so deutlich. Berlin – eine geteilte Stadt. Zum ersten Mal bekomme ich einen Eindruck davon, was das bedeutet haben muss. Du läufst und es geht plötzlich nicht mehr weiter, du steigst in die U-Bahn und es geht plötzlich auch nicht mehr weiter. Der U-Bahnhof der U8, der bei der Bernauerstraße unter der Kreuzung mit der Brunnenstraße liegt war beispielsweise während der Teilung geschlossen und galt als Geisterbahnhof. Heute gibt dort eine Ausstellung einen Einblick in dieses Thema.

Einige Meter weiter am Humboldthafen kommen wir an die Stellen, an der mit Günter Litfin, der erste Mensch an der Grenze sein Leben ließ. Er versuchte am 24. August 1961 in die BRD zu fliehen. Dabei wurde er von der Transportpolizei entdeckt. Er sprang in den Humboldthafen versuchte schwimmend die Westberliner Seite zu erreichen. Nach Warnschüssen wurde er durch gezielte Schüsse getötet. Die Wasserfläche des Hafens gehörte zu Ostberlin. Westberlin begann erst an der Ufermauer. Wir sehen noch den Wachturm, der heute als Gedenkstätte dient. Sein Bruder Jürgen hat sie ins Leben gerufen. Wir laufen am Hafenufer, lesen die Tafeln, die über den ersten Mauertoten berichten und laufen betroffen weiter zum Hauptbahnhof. Von dort fahren wir mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Checkpoint Charlie. Der Checkpoint Charlie war einer der bekanntesten Berliner Grenzübergänge. Er verband in der Friedrichstraße zwischen Zimmerstraße und Kochstraße den sowjetischen mit dem amerikanischen Sektor. Der Kontrollpunkt wurde im August 1961 in Folge des Mauerbaus eingerichtet, um die Grenzübertritte des westalliierten Militärpersonals und ausländischer Diplomaten erfassen zu können. Die Dunkelheit bricht schon herein, während sich hier viele Menschen tummeln. Zahlreiche Souvenierhändler bieten hier sowjetische Mützen und amerikanische Abzeichen an. Heute kann man Männer in Original-Grenzmontur fotografieren. Wir genießen das Treiben hier und machen uns auf den Weg zum Fest der Freiheit, den offiziellen Feierlichkeiten zum Jubiläum 20 Jahre Mauerfall. Es fängt nun an zu regnen und wir sind froh Regenschirme dabei zu haben. Vom Potsdamer Platz aus Richtung Brandenburger Tor sind die Dominosteine schon auf gebaut. Fast eintausend Dominosteine sind aufgestellt. Sie wurden von Jugendlichen, Künstlern und kreativen Gruppen gestaltet worden. Internationale Anbindung erhält das Projekt u.a. durch die „Mauerreise“. Einige Dominosteine wurden in Länder gebracht, in denen Teilung und Grenzerfahrung noch immer den Alltag prägen und von ihnen künstlerisch gestaltet. Während der Feierlichkeiten werden die Dominosteine umgestoßen und ein Dominoeffekt erzielt. Der „Domino-Effekt“ steht gedanklich für viele Menschen, mutige Akteure sowie Zeitzeugen der Friedlichen Revolution Ende der 1980er Jahre. Aus Protesten Einzelner wurde eine entschlossene, aber friedliche Massenbewegung.

Das „Fest der Freiheit“ am 9. November will auch vermitteln, dass die Ereignisse von 1989 und der Fall der Mauer nicht nur Deutschland, sondern Europa und die Welt verändert haben: „Deutsche Geschichte mit Dominoeffekt“. Trotz des schlechten Wetter harren wir hier aus und sind glücklich an diesem historischen Tag in Berlin zu sein. Wir stehen am Holocoustmahnmal und schauen auf die Leinwand und die Dominosteine. Die Show verläuft eher schleppend. Klassische Musik und viele Reden von den anwesenden Politikern langweilen mich zunehmend. Das gesamte Fest wirkt unnötig in die Länge gezogen. Dennoch amüsieren wir uns. Ich entdecke viele Menschen, die aus ganz Europa extra nach Berlin angereist sind und freue mich darüber. Endlich fallen die Dominosteine. Begeisterung bei den Massen. Eine geniale Symbolik! Ich bin berührt, der absolute Höhepunkt des Tages. Insgesamt bin ich aber vom Fest der Freiheit enttäuscht. Es ist weniger ein Fest der Bürger, als ein fernsehtauglich inszenierter Staatsakt. Das Volk wollte feiern, der Rahmen gab es leider nicht her.
Grenzgänger-Tour Tag 4
5. Jan 2010Nach dem Frühstück in unserer Unterkunft, die fast alle meine Kliechees über „DDR-Unterkünfte“ erfüllte, begaben wir uns auf einen Spaziergang durch das Dorf Rüterberg. Wir sind positiv erstaut über diesen Ort. Die Backsteinhäuser sind eigentlich alle renoviert und geben den Eindruck, dass hier eher wohlhabende Menschen leben. Uns gefällt dieser nordische Stil, den wir überhaupt nicht gewohnt sind.
(Blick von Rüterberg auf die Elbe)
Für Rüterberg ist heute ein besonderer Tag. Heute (8.11.09) vor 20 Jahren haben die Einwohner die als Protest gegen die Isolierung und jahrelange Demütugung durch die DDR die Dorfrepublik Rüterberg ausgerufen. Als Vorbild dienten die Schweizer Urkantone. Vaterder Initiative war der Schneidermeister Hans Rasenberger, der sich bereits Jahre zuvor mit der Geschichte der Schweiz und den dortigen Dorfgemeinschaften beschäftigte. Als er 1988 Verwandte in der BRD besuchen durfte, kostete er die Reisefreiheit zwischen der BRD, der Schweiz und Frankreich aus und hörte bei den Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag der Schweiz den Rütlischwur. Auf einer Versammlung legte Rasenberger ein sorgfältig vorbereitetes Dokument vor, in dem es darum ging, sich in einer Dorfrepublik fortan die eigenen Gesetze zu schaffen und sich nicht länger von der DDR-Führung bevormunden zu lassen. Die Bewohner beschlossen einstimmig die Einrichtung der Dorfrepublik. Bereits einen Tag später fiel die Berliner Mauer und Rüterberg war zwei Tage später frei zugänglich. Wir sehen einen ehemaligen Grenzturm und gehen an die Elbe. Von einem neu angelegten Aussichtsturm überblicken wir die Elbe, die sich hier um Rüterberg schlingelt. Leider ist das Wetter, wie kaum anders zu erwarten, nicht das Beste. Nebelverhangen schauen wir Angler bei ihrer Tätigkeit zu und freuen uns, dass sie das jetzt hier dürfen. Am Mahnmal, einem kleinen Stück Zaun, versuchen wir uns ein Bild von dem früheren Dorf zu machen. Wie viele versuchten hier in den Westen zu fliehen? Wie viele Tote gab es hier? Wie ging es den Menschen mit der ständigen Bewachung? Alles Fragen, auf die wir zwar keine Antworten finden, doch wir bekommen mehr und mehr ein Gespür für das Leben im Grenzgebiet.

(Nördlichster Punkt der ehemaligen Grenze. Der Steg markiert den Gernzverlauf)
Nachdem wir in Rüterberg die Einkesselung auf der Ostseite sahen durften wird uns in Priwall ein Bild von der Einengung für Westbürger ansehen. Auf dem Weg zum nördlichsten Punkt der innerdeutschen Grenze fahren wir durch Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Die Gegend ist dünnbesiedelt und karg. Feld an Feld reiht sich hier, nur unterbrochen von Straßen und kleinen Dörfern. Wobei die Dörfer hier so klein sind, dass man schon kam mehr von einem Dorf sprechen kann. Ich bewundere die Menschen dir ihr leben, einer Gegend Deutschlands, die ich kaum kenne und die mir fremd ist. Wir erreichen die Halbinsel Priwall, die nur über eine Straße zu erreichen ist, die von der Ostseite her kommt. Zu DDR-Zeiten war Priwall, dass zu Travemünde gehört, nicht mit dem Auto zu erreichen, sondern nur mit der Fähre. Wir setzen uns in ein kleines Restaurant und essen leckeren Fisch. Danach laufen wir zur Ostsee und freuen uns das Meer zu sehen. Hier auf Priwall deutet aber auch gar nichts mehr auf den ehemaligen Grenzverlauf hin. Nur einen Stein mit einer Aufschrift sollten wir finden. Erst auf Nachfragen bei Einheimischen finden wir die Grenze. Wenn sie uns nicht den Weg gezeigt hätte, hätten wir keine Chance gehabt unser Ziel zu finden. Das irritiert uns. Wir wünschen uns, dass hier an dieser besonderen Stelle unserer Geschichte eine angemessenes Hinweisschild gibt. Rauer Wind weht hier an der Ostsee. Über 1400km war die Grenze lang und erst jetzt kann ich diese Dimension einschätzen. Ich will nicht wissen, wie viel Energie und Ressourcen dieses Monstrum gefressen hat. Erschütternd zu sehen, zu was unser Volk fähig war. Froh die Grenze noch gefunden zu haben machen wir uns auf den Weg nach Berlin. Kontrastprogramm pur: von den einsamen Weiten des Nordostens in unsere Berliner Wohnung direkt am Kurfürstendamm. Morgen werden wir die Teilung Berlins erkunden und an den offiziellen Feierlichkeiten zum 9.11. am Pariser Platz teilnehmen.
Grenzgänger-Tour Tag 3
21. Dez 2009Nach einer zu kurzen Nacht und herrlichem Frühstück in Großburschla brechen wir auf in Richtung Teistungen im Eichsfeld. In Großburschla überqueren wir die nach dem Mauerfall gebaute Brücke über die Werra, die uns nach Hessen führt. Die Werra war hier zu DDR-Zeiten Grenzfluss. Großburschla war nur über eine einzige Straße, die über einen kleinen Berg führte erreichbar. Ansonsten waren die Großburschlaner umzingelt von der Grenze, lebte also in einem kleinen Gefängnis, an dass sich die Bewohner aber gewöhnt hatten.

(Grenzanlagen zwischen Teistungen und Duderstädt)
Nach einer Stunde erreichen wir das Grenzlandmuseum in Teistungen. Das nette Museum gibt einen kurzen guten Überblick über die Grenze und wie die katholische Bevölkerung im Eichsfeld sich gegen die SED-Funktionäre auflehnte und beispielsweise sich nicht an der Jugendweihe beteilgte, sondern sich firmen ließ. Oder wir man zu Allerheiligen einfach frei machte, um an den Prozessionen teilnahm. Wie sagte ein Schild im Museum so treffend: Regierungen kommen und gehen, Gott ist und bleibt immer da. Uns interessiern aber vor allem die Außenanlagen. Wir laufen einige Meter auf dem Kontrollstreifen entlang der ehemaligen Grenze auf eine Anhöhe. Wir blicken auf die vielen noch erhaltenen Rest der Grenzanlagen und beobachten eine Gruppe von Sporttreibenden. Sie nützen den ehemaligen Kontrollstreifen als Laufweg und machen gymnastische Übungen. Erst verwundert mich das und ich bin ein wenig irritiert, doch schon bald erkenne ich dahinter ein schönes Bild. An der Grenze, die viel Leid und Tod gebracht hat, auf deren Boden unschuldiges Blut vergossen wurde, ist heute ein Ort für Leben. Menschen bewegen sich, tun etwas für ihre Gesundheit und erfreuen sich dabei. Davon wünsche ich mir mehr. Hier wird die Grenze sinnvoll genutzt. Die Spuren ihrer Existenz sind für alle sichtbar, doch diese Zeit ist vorbei. Trennung, Tod und Schmerz sind Sport, Gesundheit und Leben gewichen. 100 Meter weiter steht ein Spaßbad – mitten auf dem Grenzstreufen. Dorthin kommen Menschen aus Ost und West und verbringen ihre Zeit. Gut, dass sich die Zeiten geändert haben und ganz natürliche Berührungen entstehen können. Wie sagte eine Frau treffend, die wir dort trafen: „Wir konnten damals überall hinfahren. Ich war in Amerika, ich hätte nach Afrika gekonnt, aber nicht zu meiner Familie in die DDR.“ Ihr aus dem Westen stammender Sohn half dem Widerstand in der DDR und wurde gefasst und festgehalten.

(Die Transit-Grenzalnagen von Marienborn)
Die Zeit drängt. Wir haben heute noch eine ganze Strecke vor uns. Als nächstes geht es nach Marienborn, dass direkt an der Autobahn A2 liegt. Marienborn war einer der zehn passierbaren Straßenübergänge und einer von acht Bahnübergängen von der BRD in die DDR. In Marienborn ist noch ein Großteil der alten Transit-Grenzanlagen erhalten. Wir besichtigen den Ort. Heute ein Ort der Stille. Wo bis vor zwanzig Jahren rund um die Uhr umtriebiges Leben herrschte, ist heute Stillstand. Die auch hier perfekt errichteten Kontrollanlagen zeugen von dem Überwachungsstaat DDR. Wir sind beeindruckt, besonders von dem Frieden, der von diesem Ort ausgeht. Es fällt uns unglaublich leicht hier zu beten. Wir beten, dass Menschen Frieden finden mit der damaligen Zeit. Dieser Frieden entsteht aber nur, wenn Unrecht aufgedeckt und benannt wird; wenn Vergebung ausgesprochen wird und Raum für Versöhnung ist. Vieles ist noch verdunkelt: Zwangsumsiedlungen, Zwangsadoptionen, Mord an Regimekritikern, Umgang mit den Gastarbeitern, Familientrennungen usw. Es wird Zeit, dass die wissenschaftlichen Forschungen bei der breiten Masse ankommt. Ich hoffe, dass viele Bücher über diese Thematiken gelesen werden – damit Unrecht nicht im Verborgenen bleibt. Wir lassen Marienborn hinter uns und machen uns auf den Weg nach Mecklenburg-Vorpommern. Ein kleines Dorf mit Namen Rüterberg ist unser Ziel und wird uns als Übernachtung dienen. Idyllisch an der Elbe gelegen galt Rüterberg als Bollwerk gegen den Imperialismus. Komplett von den Sperranlagen der Grenze eingeschlossen, riefen die Bewohner des Dorfes auf einer Versammlung im Gemeindehaus am Abend des 8. Novembers 1989 die Dorfrepublik Rüterberg aus. Die Nachricht von der Dorfrepublik ging um die ganze Welt.
Grenzgänger-Tour Tag 2
9. Dez 2009Nach einem guten Aufenthalt in Regnitzlosau verabschieden wir uns und fahren ins nahe gelegene Mödlareuth. „Little Berlin“ wurde es von vielen zurecht genannt. Die menschenverachtende Wirkung der Grenze wird uns hier deutlich sichtbar. Nach dem 2. Weltkrieg wurde das 50 Seelendorf in der Mitte getrennt. Mödlareuth bestand fortan aus einem thüringischen und dem bayrischen Teil. Mit schlimmen Folgen für die Einwohner: Familien wurden auseinandergerissen, Häuser zerstört und Menschen zwangsumgesiedelt. Den Mödlareuthnern war es nicht einmal gestattet sich zuzuwinken. Die Bewachungsanlagen wurden immer weiter ausgebaut. Am Ende durchzog eine Mauer die Stadt. Einfach Pervers! Sie wirkt massiv, verachtend und einfach nur menschenfeindlich. Wir schauen uns die Zäune an, von ThyssenKrupp so produziert, dass sie bei Berührung die Finger verletzten. Grau und abweisend! Ein kleiner Bach dient als natürliche Grenze, dahinter baut sich das ausgeklügelte Grenzsystem auf. Deutsche Präzession diente zur Trennung eines Volkes. Wir steigen auf den Grenzturm und erleben den Blick der DDR-Grenztruppen bei der Bewachung. Wir verstellen über einen Mechanismus den Such-Scheinwerfer und erahnen die Wirkung, die er haben musste. Die Beleuchtungsmasten stehen hier eng beieinander. Die Grenze war nachts hell beleuchtet. In Mödlareuth konnte man wohl 40 Jahre lang nicht viel am Sternenhimmel sehen. Einen Kurzfilm im Museum stimmt uns ein. Wir sind nicht die Einzigen hier. Sogar ein Fernsehteam aus Frankreich hat sich angemeldet und sendet über die Friedliche Revolution. Aus Frankreich mag sich einer verwundert fragen. Mir wird dadurch bewusst, dass die Grenze nicht nur eine innerdeutsche Angelegenheit ist, sondern weltweite Dimension hat. Sie markiert mit die Linie des Eisernen Vorhangs.

(Grenzanlage von Mödlareuth)
Wir fahren weiter entlang der bayrisch-thüringischen Grenze Richtung Billmuthausen. Billmuthuasen ereilte ein grausames Schicksal: Es lag am falschen Ort. Deshalb musste es der Grenze weichen. Die Menschen wurden zwangsumgesiedelt und das Dorf platt gemacht. Entsetzen macht sich breit bei uns. Wie können Menschen einander so etwas antun? Ein weiterer Beweis für dieses menschenverachtende Monstrum Grenze, dass unsere Nation einst teilte. Wir suchen den Ort und finden ihn nach längerer Suche nicht: Unser Navigationsgerät kennt ihn nicht und in unseren Landkarten ist er nicht vermerkt. Erst auf einer Wanderkarte, den wir am Wegesrand steht, finden wir einen Hinweis. Schade! Geschichte wird so vergessen. Wir segnen von hier aus den Ort und erbitten von Gott Gnade für die Geschädigten und wünschen uns, dass ihr Schicksal in unserem Land gehört wird.
Viel Zeit zu verweilen bleibt uns leider nicht – wir müssen weiter. Zum Point Alpha in der Rhön führt uns unsere Route. Dort auf dem Berg war eine amerikanische Militärbasis. Hier sahen sich amerikanische Soldaten und die DDR-Grenzer bei ihren täglichen Patroulliengängen in die Augen. Dass es zu keiner Eskalation kam ist ein Wunder für mich. Die amerikanische Militärbasis ist noch erhalten. Wir gehen rein und fühlen uns wie in Amerika. Sofort kommen mir die diverse Militärstationen aus Hollywoodfilmen in den Kopf. Amerikaner und Sowjets nebeneinander! Wie war es wohl für die Soldaten hier? Welche Atmosphäre herrschte? Auch hier versuchten Menschen zu flüchten und kamen ums Leben. Die Grenze ist eben ein Todesstreifen gewesen. Trotzdem blieb uns der Supergau erspart. Ich bin Gott so unendlich dankbar dafür. Wir sehen die Pläne der Amerikaner, falls die Russen angegriffen hätten. Deutschland wäre wieder Kriegsland gewesen…

(der vordere Zaun markiert die amerikanische Militärstation, der weise Pfosten auf der rechten Seite die deutsch-deutsche Grenze. Distanz dazwischen 1-2m)
Tafeln weisen hier auf die Idee des Grünen Bandes hin. Uns gefällt diese Idee. Auch ein durchgängiger Wanderweg entlang der Grenze wäre toll.

Wir fahren das letzte Stück für heute weiter nach Großburschla, wo wir übernachten werden. Großburschla ist ein kleines thüringisches Dorf, das von der Grenze umzingelt war. Dort erfahren wir von einem ehemaligen Grenzer einiges über das Leben in einem Grenzdorf und vom Alltag eines Grenzers.
Verfasst von Martin P. 






